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Der
Faun von Habana
Der kubanische Schriftsteller Pedro
Juan Gutiérrez beschreibt in seiner "Schmutzigen
Havanna-Trilogie" die Nachtseite der Revolution.
Das geschieht so macho und politisch unkorrekt, dass sich
in Deutschland noch kein Verlag an ihn herangetraut hat.
MATTHIAS MATUSSEK
Der
Spiegel, Nr. 18. Berlin, Deutschland
30.04.2001. |
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Natürlich ist der Comandante unwiderstehlich
in seinem Yanki-Hass, besonders in diesen Tagen. Die Tirade
zum 40. Jubiläum der Schweinebucht-Invasion in ewig grüner
Kampfcamouflage wie herzerwärmend, dass es noch Widerstand
gibt.
Im Hotelfernseher
des Habana Libre ist die Macht des Blöden ja immer nur
einen Tastendruck entfernt. Ein Klick auf der Fernbedienung,
und schon erbricht sich CNN, erbricht sich das weltumspannende
Nonsenszapping aus Mundwasserreklame, Börsennews und
zunehmend US-patriotischem Moderatorengeplärre.
Schnell wieder zurück,
zur totalen Verweigerung: ein Konferenztisch, eine Standkamera
und Fidel Castro, der über die US-Imperialisten philosophiert
und ihren peinlich gescheiterten Coup vor 40 Jahren, unbeirrt,
Stunde um Stunde. Nein, wer vor der Haustür der Supermacht
dieselbe so souverän verachtet, kann kein ganz schlechter
Mensch sein.
Allerdings spricht, dass der Fahrstuhl
in diesem verfallenen blauen Haus nicht funktioniert,
weiter unten, am Malecón, wo die Touristen
nicht wohnen und die angeschlagenen Häuserzeilen
im Abendlicht baden wie die Ruinen Pompejis. Das bedeutet:
acht Stockwerke steigen, vorbei an blinden Wohnungshöhlen,
durch ein enges, speckwandiges Treppenhaus hinauf
aufs Dach, wo Pedro Juan Gutiérrez lebt, der
Dichter von Habana Central, der Sänger des Bösen,
Kubas Poet maudit.
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Doch da der Comandante
auf die eine oder andere Art seit 40 Jahren mit der Schweinebucht
beschäftigt ist, ständig auf Wache gegen den US-Feind,
schiebt er die Reparatur des Fahrstuhls auf die lange Bank.
Spätestens im vierten Stock steigen Zweifel auf. Im sechsten
Stock hat die kubanische Revolution ihre Romantik verloren.
Und im achten ist man Reaktionär. Der Atem geht flach,
die Lunge pfeift, und Pedro Juan Gutiérrez lächelt
hinterhältig. Das weiß er längst, dass es
immer der Körper ist, der zur Konterrevolution überläuft
und auf seine blinde Weise protestiert.
Er trägt seinen
kahlen Schädel wie einen Helm, die Stirn tief und senkrecht
hinuntergezogen, zwei Augenschlitze, gekerbte Mundwinkel.
Den muskulösen Körper trainiert er jeden Morgen
mit den rostigen Hanteln auf dem Terrassenboden, schließlich
ist der eine Art Arbeitsgerät und ziemlich gut in Schuss
für einen 50-Jährigen.
Pedro Juan Gutiérrez
ist das Gegenbild des Revolutionärs: Er ist der Faun
Havannas, das tropische Tier. Sein Thema ist das Überleben
unter den Bedingungen der entsagungsvollen kubanischen Revolution.
Ach was: Sein Thema ist Sex. Schmutziger Sex. "Sex ist
nichts für Zimperliche", schreibt er, "Sex
ist ein Austausch von Flüssigkeiten, Speichel, Atem und
Gerüchen, von Urin, Samen, Scheiße, Schweiß,
Mikroben, Bakterien."
Er schüttet einen
Schluck Rum in den roten Staub, bevor er die Flasche ansetzt,
ein Opfer für Changó, den Geist der Machos und
Verführer und Trickser, und dann erzählt er von
dieser schwedischen Fotografin, die förmlich darauf wartete,
dass er sein Ding herauskramte, und von ihrer Affäre,
die den Grundstoff für seinen nächsten Roman hergab,
den er prompt so nannte: "Animal Tropical".
Seine Bücher, darin
ähneln sie denen Genets und Bukowskis, Henry Millers und Selbys, feiern ein düsteres Fest des Lebens, eine
andere Schweinebucht, feiern Dionysos in der Gosse. "Ich
benutze Sex wie ein Krimi-Autor seine Leichen", sagt
er. "Er treibt die Handlung voran." Und im Sex werden
alle anderen Themen mitverhandelt: Religion und Revolution,
Hoffnung und Liebe und Tod, drastisch selbst für die
unprüden Standards kubanischer Literatur.
Dieses Haus am Malecón
ist eine langsam zerbröckelnde Festung im Meerwind, ein
Gewimmel aus Leibern in engen Räumen, und seine Geschichten
darüber und die Umgebung heißen "Stich sie
ab, Mann", oder "Der Selbstmord der Schwuchtel"
oder "Jeder für sich selbst". Es ist ein Inferno,
in dem man sich begaunert und begattet. Das vor allem, denn
wo es sonst nichts gibt wird die allerursprünglichste
Quelle der Lust angebohrt.
Selbst nach seinem Durchbruch
als Autor in Spanien und Italien ist er ein Star, und gerade
ist die "Trilogie" in den USA erschienen und von
der "New York Times" gefeiert worden kann er sich
nicht vorstellen, außerhalb Kubas zu leben. Weil die
Frauen die Schönsten der Welt sind. Und weil es überall
diese Mulata gibt, die noch mit 50 so toll ist wie mit 23,
und "weil du weißt, dass du sie eines Tages lieben
wirst und dass ihr glücklich zusammen seid so lange es
dauert".
Seit ihn seine Frau verlassen
hat mit den drei Kindern "sie wollte sogar das Telefon
mitnehmen" , lebt er in den drei kleinen Räumen
allein, und er genießt es. "Der einzige Nachteil
ist, dass ich mir den Kaffee selber machen muss." An
der Wand Zeichnungen, über die er Liebesgedichte geschrieben
hat, Berge von Büchern auf dem Boden und eine Skulptur:
ein Stück Treibholz, verschnürt mit verblichenem
Segeltuch, ein rostiges Messer darin.
"Fünf Jahre
sind die Obergrenze für eine Beziehung", sagt er.
"Kubanische Männer sind untreu und kubanische Frauen
erst recht." Die Prostituierte Luisa, die ihn aushält
in seinem Buch, gibt es wirklich, und sie hat sich wieder
gemeldet. Dabei ist er gerade wieder Vater geworden, die Mutter
lebt im ersten Stock. Die Lage ist unübersichtlich.
Von hier oben immerhin
kann der Blick frei schweifen, auf die gehämmerte See
mit ihrer Silbergischt, auf das Bacardí-Haus in der
Ferne und das Capitolio und den Platz der Revolution dahinter,
auf dem der Comandante eine Kalaschnikow schwenkt und das
kubanische Volk in einer mehrstündigen Rede auf revolutionäre
Wachsamkeit einschwört. Mit zweifelhaftem Erfolg übrigens,
denn "Patria o muerte" ist ein ungünstiger
Slogan wer lässt sich heute noch von einer Reklame befeuern,
in der das Wort "Tod" auftaucht?
Doch Pedros Revier ist
ohnehin dieses andere, propagandauntaugliche Havanna, das
braune Häusermeer zu seinen Füßen, aus dem
die länger werdenden Schatten den Goldglanz fressen,
ein schnell dunkelnder Dschungel, in dem sich nun, im Funzellicht
vereinzelter Straßenlaternen, die Nutten und die Kleindealer
auf die Jagd nach Dollars machen. "Lass uns los",
sagt er.
Er kennt jede Mietskaserne,
jeden Innenhof. Da drüben haust der alte Analphabet mit
den Tausenden von Büchern, dort oben wohnte Rosalia,
bis die Decke über ihr zusammenbrach, und dort der 80jährige
Everildo in seinem weißen Smoking, der den Casino-Zeiten
der fünfziger Jahre hinterherträumt und noch jeden
ihrer Schlager kennt.
Bevor er die Schriftstellerei
ernst nahm, hat Pedro als Journalist gearbeitet, 25 Jahre
lang, hat Polizeieinsätze gecovert und das Leben und
Sterben der Stadt. Er hat nie ein Gedicht über Ché
geschrieben, darauf legt er Wert.
An die Schweinebucht-Invasion
hat er keine Erinnerung. Er war damals zehn, sein Vater schlug
sich im Petroleum-Gebiet von Mantanzas als Eisverkäufer
durch, und er half aus. Nein, die Revolution hat er erst mit
16 kennen gelernt, als er zur Armee kam. Die Revolution bestand
aus Zuckerrohr-Ernten.
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Er
boxte, er schaffte es als Kajak-Fahrer ins Nationalteam,
bis ihm das Radio ein Angebot machte und später
die Zeitschrift "Bohemia". Doch er wollte
immer Schriftsteller werden. Drei Gedichtbände
schrieb er in den Achtzigern, überraschend zarte
Meditationen mit Titeln wie "Die
Melancholie der Löwen".
Doch dann kamen die frühen Neunziger,
die Hungerjahre, und als 1994 seine Freunde mit Zigtausenden
anderen Verzweifelten Autoreifen aufpumpten und sich
damit in die Wellen warfen, um es nach Miami zu schaffen,
begann er an den Geschichten zur "Schmutzigen Trilogie"
zu schreiben. |
Ein Wutausbruch in Prosafetzen.
"Meine Geschichten", heißt es im Buch, "rennen
mit nacktem Arsch mitten auf die Straße und schreien
,Freiheit, Freiheit, Freiheit'." Sie sind von böser
Genauigkeit.
Etwa die von Baldomero,
der eines Tages bei Pedro auf dem Dach auftaucht und echte
Leber dabeihat, mit der er die ganze Baracke versorgt, ein
rührender Samariter in dieser Wolfsgesellschaft der Hungerjahre,
bis ihn irgendwann die Polizei verhaftet: Er ist der Gesuchte,
der nachts ins Leichenschauhaus einbricht und den Toten die
Leber herausschneidet. Die Geschichte heißt "Kannibalen"
kann es einen schwärzeren Kommentar auf Mangelwirtschaft
geben?
Offenbar hat sich die
Versorgungslage verbessert, denn im Barrio Chino sind alle
Restaurants wieder in Betrieb. Die Tische in der schmalen
Gasse sind umlagert von Prostituierten, und dazwischen steht
ein kleines Mädchen und singt die Marseillaise, und Pedros
Gesicht wird von den Papierlampions in mephistophelisches
Rot getaucht. Mulatas, sagt er. Die blonde Serviererin, deren
Kimono-Schlitz bis zum Beckenknochen reicht, lässt ihn
völlig kalt. Es müssen Mulatas ein, sie müssen
nach Schweiß riechen und Haare unter den Achseln haben.
"Na gut, die Ausnahme ist Jessica Lange."
Natürlich hat er
Glück mit seiner Hautfarbe, fährt er fort, denn
Mulatas mögen Weiße. Und weiße Frauen mögen
Mulatos. In einer seiner Geschichten hängt er mit anderen
vor dem Noiba-Hotel herum, und als Chiquitico, die wählerische,
ältere Touristin mit den Perlenketten vorfährt,
tun sie, was sie immer tun. "Wir zogen die Ware raus
und schüttelten sie ein bisschen, um sie aufzupumpen."
Das Geschäft macht Pedros schwarze Konkurrenz.
Man kann das alles als
rassistisch etikettieren, aber es ist bis auf die Knochen
ehrlich. Kein amerikanischer Autor, so meint der Rezensent
der "New York Times" wehmütig, würde in
den Zeiten der politisch korrekten Zensur so etwas gedruckt
kriegen. American Psycho, neurotische Massenmörder, jederzeit
aber keinen Machismo, und erst recht keinen, der rassismusverdächtig
ist.
Ein paar Straßen
weiter liegt das Las Vegas, die Bar, die eine Reliquie der
kubanischen Literatur ist, seit sie von Guillermo Cabrera
Infante in seinem Roman "Drei traurige Tiger" besungen
wurde. Heute ein trister Schuppen mit Aquarium und Videospiel,
die Bühne nur handtuchgroß und die gusseisernen
Gartenstühle so schwer, dass sie nicht geschmissen werden
können, wenn die Show mal danebengeht.
Doch an diesem Abend
singt Teresa, die bereits drei erwachsene Söhne hat,
wie Pedro weiß, eine Mulata mit breiten Lippen und einer
Stimme, die Himmel und Hölle kennt, und als sie ihr Becken
kreisen lässt, springt Pedro auf und stellt sich hinter
sie und kreist mit. "Wer klopft da an", haucht Teresa
verzückt ins Mikro. "Ein Kubaner", ruft Pedro.
"Dann darfst du rein!"
Sicher ist die Show nicht
so geschliffen wie die des Tropicana, doch die Mädchen
haben endlose Beine und wunderschöne Hintern und sie
taxieren den von Pedro mit sichtlichem Vergnügen. Sie
setzen sich zu ihm, er schenkt Rum aus und raucht billige
Zigarren und sagt: "Kein Wunder, dass Cabrera in seinem
Londoner Exil schizophren geworden ist ein Abend hier würde
ihn kurieren." Erst weit nach Mitternacht macht er sich
auf den Heimweg.
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Zu dieser
Stunde ist der Malecón, die Küstenpromenade,
eine verlassene Betonloge. Wer hier steht und aufs Meer
schaut, schaut nach Amerika. Marina im weißen Kleid
ist aus der Nacht aufgetaucht, und sie spricht Pedro an,
und dann reden sie beide über Freunde, die gegangen
sind, ein flüsterndes melancholisches Erinnern von
Verlusten. |
Der Malecón ist
menschenleer auch deshalb, weil ihn die Polizei seit einigen
Monaten mit ihren Kontrollen leer fegt. Man muss wieder aufpassen,
was man tut und sagt, denn seit die Grundversorgung nicht
mehr ganz so schlecht ist, werden Liberalisierungen zurückgenommen.
Für Pedro ein Drahtseilakt.
In einer Geschichte über
den Transvestiten Samantha, dem die Parteibonzen das Cabaret
schließen, heißt es: "Nichts erschreckt den
alten Mann so sehr wie ein kleiner Raum persönlicher
Freiheit, der zum freien Austausch von Ideen führen könnte."
Das zum Beispiel ist nicht nur richtig, sondern richtig mutig.
In den schrundigen, aufgebrochenen
Flanierweg, auf der Höhe der Fiat-Vertretung, ist eine
Keramik eingelassen. Im gelben Licht der Kai-Anlage zeigt
sie einen tanzenden Mann, dessen Körper von Graffiti
bedeckt ist. Neben dem Kopf eine Spruchblase, und die ist
leer.
Die Intarsie bezeichnet
ziemlich genau Pedros poetisches Programm: Wo man längst
nicht alles sagen darf, ist es besser, mit dem Körper
zu reden. Er streicht, sagt er, alle Philosophie aus seinen
Geschichten, streicht den Figuren den psychologischen Ballast,
bis nur noch das Fleisch bleibt. Er redet nicht über
Politik, er verweigert sie. Insofern ist er der extremste
Einspruch auf den Propaganda-Monolog des Comandante, auf die
Spruchblase. Seine schmutzige Havanna-Trilogie ist ein Tanz
aus Körpern.
Und der ist erarbeitet
mit der Disziplin eines Kriegers. Pedro steht morgens um sechs
Uhr auf, meditiert eine Stunde, schwimmt oder läuft eine
weitere. Und dann arbeitet er. Er schreibt mit der Hand "so
wie man Gedichte schreibt". Die Dialoge sind knapp und
so verdichtet und beiläufig wie diejenigen Hemingways.
Mit dem alten Kuba-Romantiker
unterhält er sich in einer seiner Geschichten, wenn er
Santiago beschwört, der 40 Tage lang mit diesem Schwertfisch
kämpfte. "Dieses Heldentum gibt es nicht mehr, weder
in mir noch in anderen."
Was es gibt, für
Pedro Juan Gutiérrez, ist eine andere Art von Kampf,
und der ist nicht unbedingt weniger zermürbend: das "unbarmherzige
Geschäft", als das Gottfried Benn einst das Dichten
bezeichnete.
Am nächsten Tag
empfängt der Comandante den chinesischen Parteichef Jiang
Zemin am Flughafen, um den Widerstand gegen die US-Hegemonie
zu bekräftigen, und auch Pedro hat Wichtiges vor er muss
Rasierklingen auftreiben. Vorher allerdings muss eine andere
Sache geklärt werden. Die mit den Deutschen. Er schwenkt
einen Stapel von Briefen, die von seiner Agentin stammen,
eine Häufung von Stoßseufzern. "Was ist bloß
los mit diesen Deutschen!", schreibt sie.
Die "Schmutzige
Havanna-Trilogie", 1998 veröffentlicht, ist mittlerweile
in gut einem Dutzend Ländern erschienen nur die Deutschen
wollen nichts von ihr wissen. Suhrkamp habe abgelehnt, weil
Pedros Buch zu sexistisch sei und politisch nicht korrekt.
Elf weitere Verlage seien, bisher ergebnislos, angesprochen
worden. Diogenes überlege noch.
Dabei mag Pedro die Deutschen.
Vor zwei Jahren hat er in Chemnitz gelesen, das er noch als
Karl-Marx-Stadt kennt. Im Publikum viele Exil-Kubaner und
ein paar sozialistische Kuba-Fans der guten alten DDR. Es
war zwei Tage vor Weihnachten, und er las Sachen wie: "Ich
steckte ihn in ihren Hintern ... sie biss ins Kissen und bettelte
um mehr."
Die sozialistischen Kuba-Fans
verabschiedeten sich ziemlich schnell und Türen schlagend
in die Winternacht, während die Kubaner schwer in Fahrt
kamen, und einer sagte laut zu seinem Nachbarn: "José,
der ist wie du, bildet sich mordsmäßig was auf
seinen Schwanz ein und holt sich ständig einen runter."
Pedro lacht. "Ich habe das für eine ziemlich qualifizierte
literarische Kritik gehalten." Und hinterher rief tatsächlich
einer "Vamos a la playa", und das in Chemnitz.
| Warum
die deutschen Verlage so zögerlich reagieren? Vielleicht
hat sich die Kuba-Welle der letzten Jahre erschöpft?
Vielleicht gibt es Vorbehalte gegen Macho-Literatur? Vielleicht
aber ist seine Prosa auch zu sperrig, zu verstörend,
zu unromantisch: Pedros Kuba ist völlig unbrauchbar
als linke Sehnsuchtsinsel. Was fängt ein Genosse
mit solchen Sätzen an: "Jeder versucht hier
ständig, dich zu ficken und ein paar Pesos aus dir
rauszuquetschen. Weil genau das Armut ist. Scheiße
zieht Scheiße an." Eine verheerende Bilanz
für den neuen Menschen. |
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Nein, es ist dieser armselige
alte Mensch, in den Pedro verliebt ist, der voller Abgründe
ist und Leidenschaften, Verbrechen und Wunder, und deshalb
bleibt er auf der Insel. Er kann die salonlinken Schriftstellerkollegen,
die ihn ab und zu besuchen, nicht ausstehen. Etwa die Mexikaner
neulich, die ihm sagten: Halte durch, Pedro, das ist wichtig
für die Revolution! "Ich habe sie die Treppe runtergeschmissen",
sagt er. "Ich war betrunken, aber ich weiß, dass
sie in einer Villa wohnen und zwei Mitsubishis in der Garage
haben."
Nein, wenn er bleibt,
dann aus seinen eigenen Gründen. Nicht aus Liebe zur
Revolution, sondern zu Kuba, zu Havanna. Und das lässt
er sich nicht beleidigen, auch von Günter Grass nicht,
der es in einem Interview mit ihm mal mit Kalkutta verglichen
hat.
Kalkutta! Er weiß,
dass die Bilanz hier so schlecht nicht aussieht Slum-Elend
wie im Rest Lateinamerikas gibt es nicht, die Alphabetisierung
liegt bei 100 Prozent, und die Gesundheitsversorgung lässt
die in Brasilien oder Peru archaisch aussehen ganz zu schweigen
von der in Kalkutta. Wenn es an diesem Morgen nur Rasierklingen
gäbe, die blauen, seine Marke!
Angebot und Nachfrage
stimmen selten überein in einer Planwirtschaft, und natürlich
hat immer die Nachfrageseite Schuld. Wenn sich Pedro für
Shampoo oder Bindfaden oder Rüschen-Röckchen interessieren
würde, wäre er, drei Stunden und fünf Läden
später, ein gemachter Mann. Überall Röckchen,
Shampoo, Bindfaden aber keine blauen Rasierklingen. So hilft
nur noch ein Wunder. Doch Wunder, das weiß er auch,
sind in Kuba viel häufiger als in jedem anderen Flecken
der Welt. Deshalb bleibt er gelassen. Mit Wundern lässt
sich hier jederzeit rechnen. Nicht das revolutionäre,
sondern das magische Kuba hat Pedro Juan Gutiérrez
im Griff, und dieser wundersame Realismus leuchtet auch in
den Seiten seiner Trilogie. Die Revolution mag Wache gegen
die USA stehen, mag die plattfüßigen Krämer
Miamis in Schach halten und die universelle Nivellierung,
ob sie nun CNN oder McDonald's heißt.
Ja, die Revolution mag
den Kopf ansprechen, doch das Herz schlägt in einem älteren,
einem verrückteren Rhythmus: Eine der schönsten
Geschichten der Trilogie ist die von Danais, die vom Geist
ihres toten Ehemanns Santico besucht wird. Nacht für
Nacht liebt er sie und treibt sie zur Ekstase.
Dass die Toten sich unter
die Lebenden mischen, das glaubt er ganz sicher. Wie fast
jeder Kubaner besucht auch er regelmäßig eine Santera
selbst KP-Funktionäre haben Kult-Altäre im Hinterzimmer.
Und dieser Tage pilgern Untertanen auf den Friedhof, der ein
beliebter Schauplatz auch in Pedros Buch ist.
Tatsächlich, das
revolutionäre Jubiläum der Schweinebucht hat Konkurrenz
bekommen durch ein anderes, nämlich den Jahrestag von
"La Milagrosa" am 3. Mai: Vor 100 Jahren war die
junge schöne Amelia beerdigt worden, ihr Neugeborenes
zu ihren Füßen, und als das Grab später geöffnet
wurde, lag das Kind an ihrem Busen, und beide waren unversehrt.
Die Toten leben, sie sind mitten unter uns, und Kuba streut
Blumen auf ihre Gräber.
Pedro beobachtet die
Szene in gebührendem Abstand. Er lehnt dabei an einem
Marmorengel, der die Schwingen über ihn ausbreitet. Ein
wenig Schutz kann wohl jeder gebrauchen, besonders er, der
gefährdete und verletzliche Faun Havannas.
"Das Leben vor dem
Tod ist aufregend genug", sagt er in jäher Auflehnung,
"meine Asche kann in den Mülleimer, wenn es so weit
ist."
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