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DER jämmerliche kleine Säufer lief mir fast täglich über den Weg. Er trieb sich am Strand herum und war ein menschliches Wrack. Nichts als ein Skelett mit Haut drüber, ohne Fleisch, ohne Muskeln. In Shorts, T-Shirt und Schlappen. Völlig verdreckt. Ich hatte ihn noch nie nüchtern und sauber gesehen.
Heute war es besonders schlimm. Der Typ lag neben einer verlassenen Strandbar im Sand. Seine rechte Hand war übel zugerichtet und blutete. Man sah Knochensplitter und Sehnen, darüber die Haut in Fetzen. Er war bewusstlos, und zwei räudige Köter schnüffelten und leckten an seiner Wunde herum.
Mir wurde von dem Anblick schlecht. Der Tag war kaum angebrochen. Ich wollte mir am Ufer mit dem Wurfnetz ein paar Sardinen als Köder fangen und dann angeln, bevor die Sonne zu stark brannte. Ich hatte meine beiden Angelruten und gute 50-Kilo-Schnüre dabei. Leicht übertrieben für das Fischen am Ufer, aber besser zu viel als zu wenig.
Ich ging hin und gab ihm ein paar Ohrfeigen, um ihn wieder zu sich zu bringen. Die Hunde knurrten und fletschten die Zähne. Ich verjagte sie mit Fußtritten. Zwei solche Nieten haben nicht mal das Recht zu bellen. Der Typ machte die Augen ein Stück auf. Sie waren ganz rot. Ich fragte ihn, was passiert sei, aber er brachte keine Antwort heraus. Es kotzt mich an, wenn mir ständig etwas dazwischenkommt, aber was sollte ich machen. Ich half ihm auf die Beine und schleppte ihn bis vor zur Straße. Dort hielt ich einen Wagen an, und wir fuhren in die Poliklinik. Ein Arzt und zwei Krankenschwestern hatten Dienst. Sie dösten vor sich hin, und es passte ihnen gar nicht, dass ich mit dem Säufer daherkam. Sie versorgten lustlos die Wunde und sagten mir, das seien Rattenbisse.
Der Typ war halb bewusstlos und nahm nicht wahr, was um ihn herum geschah. Der Arzt wollte, dass ich ihm ein Formular unterschrieb, als Verantwortlicher für den Patienten.
»Ich muss ihn zur rekonstruktiven Chirurgie an ein Krankenhaus in Havanna überweisen.«
»Ja, und?«
»Sie haben ihn hergebracht. Also müssen Sie ihn auch ins Krankenhaus begleiten. Zeigen Sie mir Ihren Ausweis und unterschreiben Sie hier.«
»Du kannst mich mal. Ich zeige dir keinen Ausweis, und ich unterschreibe auch nichts. Häng die Sache einem anderen an, nicht mir.«
Ich drehte mich um und ging zum Ausgang der Poliklinik. Dort saß ein Polizist und hielt Wache. Beim Hereinkommen hatte ich ihn nicht bemerkt. Er trat mir in den Weg:
»Bürger, hiergeblieben.«
Ich blieb stehen und sah ihm direkt in die Augen.
Dann ging ich auf ihn zu.
»Was gibt’s?«
»Wie kommen Sie dazu, so mit dem Arzt zu reden? Was haben Sie für ein Problem?«
»Gar keins. Es gibt kein Problem.«
»Moment, Bürger. Bleiben Sie, wo Sie sind.« Er blickte zum Arzt und winkte ihn heran: »Doktor, kommen Sie mal her.«
Der Arzt kam zu uns herüber. Ich ließ ihn nicht zu Wort kommen:
»Mensch, ich hab’s Ihnen doch schon gesagt, ich habe den Typ so gefunden, besoffen und verletzt. Ich habe ihn mir aufgeladen und ihn hergebracht. Aber ich kenne ihn nicht, und ich bin für gar nichts verantwortlich. Ich habe ihm nur einen Gefallen getan. Kann ihn ja nicht blutend liegenlassen.«
Der Polizist setzte eine sorgenvolle Miene auf. Er dachte kurz nach, aber auf Denken war er offenbar nicht gedrillt. »Geben Sie mir Ihren Ausweis«, sagte er. »Verstehen Sie dehn nicht, was ich sage?«
»So einfach ist das nicht. Der Mann ist bewusstlos.«
»Der Mann ist besoffen. Er ist immer besoffen.«
»Woher wollen Sie das wissen? Sie behaupten doch, Sie kennen ihn nicht und haben ihn am Strand gefunden. Ihren Ausweis, Bürger.«
Der Arzt musste auch noch seinen Senf dazugeben: »Er soll hier unterschreiben und den Patienten ins Krankenhaus begleiten. Er ist der Verantwortliche.«
»Was, ich?! Ich bin für gar nichts verantwortlich. Sehen Sie nicht, dass ich mein Angelzeug dabeihabe?
Ich war unterwegs zum Strand, wollte am Ufer angeln, und da lag dieser Penner im Sand.«
Der Polizist starrte mich an. In strengem Ton sagte er:
»Schreien Sie nicht so, und sprechen Sie, wie es sich gehört.«
»Ich spreche, wie es sich gehört.«
Ich packte den Arzt an der Schulter und sagte:
»Jetzt hör mal, mein Freund, verstehst du mich denn nicht? Kannst du diesen Saufkopf nicht einfach in einen Krankenwagen stecken und ins Krankenhaus fahren lassen?«
»Er braucht eine Begleitperson. Und lassen Sie mich gefälligst los. Etwas Respekt, wenn ich bitten darf.«
»Gib ihm halt eine Krankenschwester mit. Du hast doch zwei hier.«
»Behalten Sie Ihre Ratschläge für sich. Ich weiß selbst, was ich zu tun habe.«
»Ja ja, nur ist schon sieben und ihr habt gleich Schichtende, und da kommt das natürlich ungelegen.«
»Also erlauben Sie mal …«
»Ich erlaube gar nichts. Das ist ein eklatanter Mangel an Berufsethik. Sie sind für die Sache zuständig, also ziehen Sie mich nicht mit hinein, sonst zeige ich Sie an wegen Verstoß gegen Ihre Standesregeln.«
Mit diesem Angriff hatte der Arzt nicht gerechnet. Auf einmal war er ganz still. Ich verpasste ihm noch einen Leberhaken:
»Jetzt bleibe ich wirklich da und warte, bis der
Klinikdirektor kommt. Die Sache kläre ich mit ihm persönlich. Ich rühre mich nicht von der Stelle.«
Die beiden Krankenschwestern sahen erschrocken drein. Der Arzt sagte zu mir:
»Also gut, regen Sie sich nicht auf. Wir kümmern uns um die Angelegenheit. Sie können gehen.«
»Ja, ich gehe, aber um acht bin ich wieder da und rede mit dem Klinikdirektor. Das lasse ich nicht auf sich beruhen.«
Keiner sagte mehr etwas, auch der Polizist nicht. Und ich ging fischen. Natürlich kam ich nicht zurück, um mit dem Direktor oder sonst wem zu sprechen.
Ein paar Tage vergingen, bis ich den Saufkopf wieder sah. Rasiert, in sauberer Kleidung, die Hand verbunden. Er saß am Bordstein und rauchte. Er schien nüchtern zu sein. Ich ging zu ihm:
»Was macht die Hand?«
»Tut ziemlich weh.«
»Kennst du mich nicht mehr?«
»Nein.«
»Ich habe dich hier aufgesammelt und in die Poliklinik gebracht. Die Ärzte sagen, das waren die Ratten.«
»Haben sie mir auch gesagt.«
Wir fielen in Schweigen. Es gab nichts weiter zu reden. Ich bemerkte, dass er innen am linken Unterarm ein paar Ziffern eintätowiert hatte. Sie waren ziemlich groß und reichten vom Ellenbogen bis zum Handgelenk: 10-8-94.
»Na dann, Vorsicht mit den Ratten. Dass sie dich nicht noch mal beißen.«
Dazu lächelte ich. Der Typ sah mich nicht an und lächelte nicht. Ich ging fischen. Der Hurrikan Michelle hatte den Strand verwüstet. Er hatte den gesamten Sand bis an die Kokospalmen geweht. Am Ufer blieben nur Steine, Betonüberreste vom früheren Kai und felsiger Untergrund. Etwa zwanzig Goldsucher staksten und buddelten im Sand herum. Einige Silbermünzen waren aufgetaucht. Von wegen Goldschmuck. Nichts als Silbermünzen, die seit vierzig Jahren nicht mehr im Umlauf waren. Hunderte davon. Es war eine langweilige, ungewisse Plackerei. Viele Stunden im Wasser, abgebrochene Bretter an den Füßen, den Blick auf mögliche Fundstücke geheftet. Zähe Burschen waren das. Zum Glück hatte ich die Zeiten hinter mir. Ich hatte es nicht mehr nötig, mir mit irgendwelchen miesen Jobs meine täglichen vier Pesos zu verdienen. Jetzt recherchierte ich für einen Kriminalroman mit etlichen brutalen Morden, bescheuerten Polizisten und professionellen, widerwärtigen Killern.
Wieder vergingen einige Tage, ohne dass ich den Saufkopf gesehen hätte. Eines Abends, es war schon fast dunkel, hatte ich ein paar intus und saß unter einer Kokospalme am Ufer. Ich sah aufs Meer hinaus. Ein starker Wind blies, und es gab hohe Wellen. Das Wasser verfärbte sich dunkel, und die Sonne ging rasch unter. Ich dachte an ein Buch, einen Ratgeber, den ich damals las. Darin hieß es, mit Übung könne man seinen Zorn beherrschen und schließlich ganz ausschalten. Das klang überzeugend. Ich musste es versuchen. Ich konnte nicht weiter so jähzornig sein und kaputtschlagen, was mir in die Finger kam. Ständig schlug ich wild um mich, um mir Luft zu schaffen.
Im Flachmann war noch ein wenig Rum. Ich stand auf und machte mich auf den Heimweg. Ich kam an der verlassenen Strandbar vorbei. Hinten an der Wand lehnte der Säufer. Ich sah eine kleine Tür und einen Verschlag. Dort hatte der Typ eine Matratze, eine Glühbirne, ein paar Schachteln und Stoffetzen. Er hockte neben der Tür und tätowierte sich etwas in den linken Unterarm, unterhalb der Ziffern. Ich hob die Hand und ging zu ihm.
»Na, wie läuft’s, mein Freund?«
Er sah mich an, grüßte aber nicht zurück. Er tätowierte sich weiter den Arm mit einer Nadel und schwarzer Tinte aus der Mine eines abgebrochenen Kugelschreibers. Der Verband an seiner Hand war derselbe wie beim letzten Mal, nur dreckig und blutverschmiert.
»Was machst du da?«
»Siehst du doch, oder?«
»Weißt du nicht mehr, wer ich bin?«
Wieder sah er mich an. Er war besoffen. Er antwor-
tete nicht.
»Willst du einen Schluck?«
Er lächelte. Er streckte die Hand aus, nahm einen langen Zug aus meinem Flachmann und gab ihn mir zurück. Ich setzte mich hin. Viel Rum war nicht mehr da, aber ich würde ihm den Rest aufsparen.
»Ich mag Tattoos. Da, schau.«
Ich zeigte ihm meines.
»Das ist ja farbig. Saubere Arbeit.«
»Und was ist das für ein Datum?«
Ich deutete auf seinen Unterarm.
»Warum willst du das wissen?«
»Wie heißt du eigentlich?«
»Bist du ein Bulle?«
»Nein.«
»Was fragst du dann so viel?«
Ich hielt ihm noch mal den Flachmann hin. Er leerte ihn in einem Zug. Bis auf den letzten Tropfen. Ich schraubte den Flachmann zu und steckte ihn ein. Wir saßen da und schwiegen. Er tätowierte sich einen Namen unter das Datum: ALEJAND.
»Was ist das für ein Name? Alejandra?«
»Alejandrito. Mein Jüngster. Er war zwölf.«
»Ist er gestorben?«
»Er und sein Bruder Carlos. Ich tätowiere mir beide
Namen.«
»Und das Datum? Der Tag, an dem sie starben?«
»Ja.«
»Was ist passiert?«
»Die Haie haben sie gefressen.«
»Kein Scheiß, Mann!«
»Vor meinen Augen. Ganz nah am Ufer. Man konnte noch die Lichter von Cojímar sehen.«
»Am 10. August 1994?«
»Ja. Ich weiß nicht, wie ich’s bis ans Ufer geschafft
habe.«
»Warst du betrunken?«
»Weiß nicht mehr. Ich glaube nicht. Hast du noch
Rum?«
»Der ist alle. Waren noch mehr Leute dabei?«
»Wir waren zu sechst. War ein mickriges Floß. Hast du noch Rum?«
»Nein, der ist alle.«
Er lehnte sich an die Wand. Er schloss die Augen und sagte ganz leise:
»Am liebsten würde ich sterben.«
»Willst du eine Pizza?«
»Nein. Hast du noch Rum?«
»Nein, der ist alle.«
»Hau ab.«
Ich überlegte kurz und fragte dann: »Du willst mehr Rum?«
»Ja, gib her.«
»Wart einen Moment.«
Ich besorgte eine Flasche und machte sie vor seinen Augen auf. Ich nahm einen tiefen Schluck und hielt sie ihm hin:
»Da. Schenk ich dir.«
»Und von dem guten. Mit Siegel.«
»Und die Mutter der Jungen?«
»Die hat mich verlassen, da waren sie noch klein. Ich bin Vater und Mutter gewesen.«
Ich brachte es nicht über mich, weiterzufragen. Er tätowierte weiter seinen Arm und trank in großen Schlucken aus der Flasche. Ich fragte:
»Willst du was essen?«
»Nein.«
»Isst du nie was?«
Er sah mich an und sagte:
»Frag nicht so viel Scheiß.«
»Wenn ich dir irgendwie helfen kann …«
»Nein.«
Ich blieb noch eine Weile still sitzen. Er nahm noch einen Schluck. Nach kaum fünf Minuten war die Flasche halb leer. Er stellte sie auf den Boden, holte angestrengt Luft, sah mir in die Augen und sagte:
»Ich hab ihre Schreie noch in den Ohren, wie Nägel. Verdammt, ahhhhh!«
Er kniff die Augen ganz fest zusammen und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Dann griff er erneut zur Flasche. Er trank und sagte:
»Die Welt ist ein gefährlicher Ort.«
Er machte sich wieder an die Tätowierung. Ich verabschiedete mich.
»Also, mein Freund, wir sehen uns.«
Er antwortete nicht. Er war zu betrunken und konnte die Tätowiernadel nicht richtig führen. Ich machte mich aus dem Staub und sah ihn nicht wieder. Zwei Wochen verstrichen. Wie immer ging ich fischen und schwimmen, las weiter, wie man seinen Zorn beherrscht, und dachte ständig an meinen Krimi, aber ich
konnte mich nicht aufraffen, mit dem Schreiben anzufangen.
Eines Abends sah ich von zu Hause aus eine große Zahl von Truthahngeiern über dem Strand kreisen. Da traf mich alles wie eine Vorahnung. Ich schloss die Tür und ging den Hügel hinunter. Es wurde gerade dunkel.
Zahlreiche Schaulustige waren schneller gewesen als ich, und die Polizei hatte den Strand rings um die verlassene Bar abgeriegelt. Die Beamten ließen die Geier nicht herankommen. Ein alter Mann sagte mir, Ratten und Geier hätten die verfaulte Leiche fast ganz aufgefressen. Der Alte brach in Gelächter aus.
»Hahaha. Viel Fleisch hatte der nicht auf den Knochen. Die werden ihm das Mark ausgesaugt haben.«
Ich antwortete nicht. Schließlich versuchte ich mein Zornbeherrschungsprogramm durchzuhalten. Am liebsten hätte ich ihm gesagt: ›Reden Sie nicht so einen Scheißdreck, Señor.‹ Aber ich riss mich zusammen. Ich ging zu einem der Polizisten und fragte:
»Was passiert mit den Überresten? Wird er beerdigt oder …?«
»Keine Ahnung, Genosse. Wir warten noch auf die Kollegen von der Gerichtsmedizin. Die werden’s wissen. Warum fragen Sie? Sind Sie mit ihm verwandt?«
»Nein, nein.«
Ich ging weg und versuchte, die Sache zu vergessen. Ich wollte mich auf meinen Roman konzentrieren und anfangen zu schreiben.
©Pedro Juan Gutiérrez
Die Welt ist ein gefährlicher Ort erscheint
in Kein bisschen Liebe.
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