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Leer Du siehst aus wie Dick Tracy
Pedro Juan Gutiérrez

ALLEIN leben ist sehr gut. Julia beginnt langsam zu verblassen. Mein Geist gewinnt nach dem Sturm an Ruhe und Sicherheit. In der Abenddämmerung gehe ich den Hügel hinunter und betrete eine Bar nahe am Strand. Wenn ich allein zu Hause bleibe, leere ich womöglich eine Flasche Rum und lege mich am Ende betrunken ins Bett, schmutzig, ohne geduscht und gegessen zu haben. Das geht nicht. Sooft ich den Willen dazu aufbringe, meide ich die nächtliche Einsamkeit und gehe in die Bar. Dort stehen zwei Billardtische. Ich trinke Bier und übe ein paar Stöße über Bande. Es gelingt mir, mich auf die Karambolagen zu konzentrieren und die Versuchung des einsamen Rums zu vergessen.

Ich habe nachgerechnet: Meinen ersten Suff hatte ich an Weihnachten 1967. Ich war siebzehn und mit meiner ersten Freundin zusammen. Seitdem sind fünfunddreißig Jahre vergangen, in denen ich stark getrunken habe. Ich musste einige Male Galle spucken, neben anderen schlimmen Erlebnissen, die man besser vergisst. Ich nehme an, meine Leber ist beste Qualität, denn anscheinend hat sie’s gut überstanden.

Na ja, ich meide den Alkohol, sooft ich kann. Ich angle am Strand. Ich spiele Billard. Ich fahre mit dem Fahrrad herum und lese ein wenig. Jeden Tag gibt es mehr Bücher und weniger zum Lesen.

Gegenüber der Bar ist eine Cafeteria mit zwei oder drei Tischen davor. Eigentlich ist es nur ein billiger kleiner Stand. Sie verkaufen dort Brathähnchen, Hot Dogs, Bier und Erfrischungsgetränke.

Wenn mich das Billard zu langweilen beginnt, gehe ich rüber und esse etwas. An jedem zweiten Tag traf ich dort Lena. Sie hatte eine endlos lange Schicht, sechzehn Stunden am Stück. Jeden zweiten Tag. Von sieben Uhr morgens bis elf Uhr abends. Sie ist eine sehr dünne Frau, etwas über dreißig. Übermäßig dünn. Ich glaube, sie hungert, trotz der Hähnchen und Pommes Frites, die sie brät. Sie ist ziemlich hellhäutig und hat kurze, blond gefärbte Haare, blaugrüne Augen und einen großen, lächelnden Mund, und sie ist umgeben von einer gewissen Aura aus Gelassenheit-Melancholie-Traurigkeit-Unerschütterlichkeit.

Seit ich sie das erste Mal sah, hatte ich den Eindruck, dass sie in derselben Lage war wie ich: groggy, im Ohr die Stimme des Ringrichters, der einen nach dem Niederschlag anzählt, während man versucht sich aufzurappeln.

Wir gefielen einander auf Anhieb. Mehr war nicht. Magnetische Anziehung. Kein Schritt mehr. Aber es war nett, bis dahin zu kommen. Mir schien, dass sie sich sehr entspannte, wenn sie sah, wie ich aus der Billard-Bar kam, die Straße überquerte und auf die Cafeteria zuspazierte. Es sind immer wenige Kunden da. Oder gar keiner. Ich lehnte mich dann gegen den Tresen, bestellte ein Bier, und wir unterhielten uns. Sie ist aus San Miguel del Padrón, einem Vorort von Havanna. Dort leben die Leute ein zwangloseres Leben. In Zentral-Havanna laufen viele mit unter-drückter Wut herum. Zorn, Verzweiflung, Aggressivität. Das ist ansteckend. Du gewöhnst dich daran, mit scharfen Eckzähnen und Krallen zu leben, bereit, den Erstbesten zu zerreißen, der dich schief anschaut. Vielleicht rede ich deshalb so gern mit Lena. Wegen ihrer Entspanntheit, ihrer Langsamkeit, dieser melancholischen und sanften Ausstrahlung. Sie erzählte mir aus ihrem Leben:

»Eigentlich heiße ich Elena, aber sie haben mich von klein auf Lena genannt.

Meine Großeltern stammten aus Polen. Mein Vater wollte mir immer Polnisch beibringen, aber es gefällt mir nicht. Es ist sehr schwer.

Ich habe zwei Söhne im Alter von acht und zehn. Ich lebe mit ihnen und meiner Mutter zusammen. Mein Vater ist tot.

Ich habe fünfzehn Jahre lang als Krankenschwester gearbeitet, aber ich habe vor Jahren aufgehört. Hier verdiene ich ein bisschen mehr.«

Ich trank Bier und betrachtete mit Verlangen ihre schönen Augen und ihren großen Mund. Ich stellte sie mir nackt vor. Sie muss heiß sein und scharf auf ‘nen harten Schwanz. Die kleinen Dünnen sind lebhaft und genießen, was sie bekommen. Vielleicht ist das nur ein Vorurteil gegenüber dicken Frauen. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich nie mit einer Dicken gevögelt. Mit Vollschlanken ja. Und Schwangeren noch besser. Aber mit so richtig Dicken – nein.

Jedenfalls haben wir uns ein paar Mal gesehen. Immer durch den Tresen getrennt. Wenn irgendein Kunde kam, verstummte sie, nahm wieder ihre distanzierte Haltung ein und hörte auf zu lächeln.

Einmal bat ich sie, eine Stunde früher Schluss zu machen, um sie woandershin einladen zu können, was trinken und uns in Ruhe unterhalten.

»Ich kann nicht.«

»Hast du ‘nen Freund?«

»Ich bin allein.«

»Würdest du dich gern ungestört mit mir unterhalten?«

»Äh … na ja …«

»Was na ja?«

Sie senkte den Blick, überlegte einen Moment und sagte leise:

»Ich habe mich vor kurzem vom Vater meiner Kinder getrennt.«

»Wart ihr lange verheiratet?«

»Zwölf Jahre … zwölf Leidensjahre.«

»Wird wohl nicht alles nur Leiden gewesen sein. Mach keine Tragödie daraus.«

»Er war zu sehr hinter den Frauen her.«

»Wir sitzen im selben Boot. Ich habe mich auch vor kurzem getrennt.«

Wir verfielen in Schweigen. Plötzlich sah sie mich mit einem ganz schelmischen Lächeln an und sagte:

»Lass uns einfach nur Freunde sein. Ich will keine Männerhand auf mir spüren.«

»Immer mit der Ruhe, kein Problem. Ich bin einer von der langsamen Sorte.«

»Machst aber nicht den Eindruck. Du gehst ganz schön ran.«

»Siehst du, der Schein trügt eben.«

»Ich werf dir mal ein paar Fritten in die Pfanne, dass du noch was vom Abend hast.«

»Leg ein Stück Hähnchen dazu.«

»Nein, das Huhn liegt schon zu lang im Kühlschrank. Iss einfach nur ein paar Fritten.«

»Umsorgst du mich etwa?«

Sie sah mich lächelnd an und antwortete nicht. Mir war, als würde sie einen Ehemann brauchen, aber ich machte keinen Mucks.

Als sie die Pommes Frites in der Fritteuse hatte, lehnte sie sich wieder an den Tresen und sah mich fest an. Sie hatte eine besondere Art von Hingabe. Diese Augen und dieser Mund versprühten Östrogen. Sie waren wie ein Spray aus Östrogen pur, und ich spürte, wie es in wenigen Sekunden meine Testosterone erreichte und in Erregung versetzte. Ich sah Lena an, und vor mir erstand das perfekte Bild: Wir lagen aufeinander und liebten uns und trieben es wie die Wilden. Es konnte nicht sein, verdammt, es konnte nicht sein! Ich brauchte einen einsamen Urlaub. Warum nur tauchen immer wieder neue Frauen auf? Werde ich noch zu einem lächerlichen, lüsternen alten Knacker, der ständig die Frau wechselt? Der von einem Flittchen zum nächsten springt? Ach, Scheiße.

Jedenfalls ließ sie die Fritten vor sich hinbraten, sah mich auf diese besondere Weise an und sagte lächelnd:

»Du siehst aus wie Dick Tracy. Hat dir das noch niemand gesagt?«

»Hahaha. Red keinen Blödsinn, Lena.«

»Im Ernst. Hast du den Film nicht gesehen?«

»Nein.«

»Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.«

»Als Kind habe ich immer Dick-Tracy-Hefte gelesen. Ich fand die super. Ein bisschen absurd.«

»Das Leben ist absurd.«

Diesen letzten Satz sagte sie in tiefem Ernst. Dann wandte sie sich wieder den Pommes Frites zu. Manchmal habe ich seltsame Wahrnehmungen. In diesem Moment sah ich, dass Lena eine unerträglich schwere Last auf dem Rücken trug:

»Du bist zu gefügig, Lena.«

»Es ist schlecht, wenn man sich nicht fügt. Man muss dafür teuer bezahlen.«

»Es ist sehr gut, wenn man sich nicht fügt, auch wenn man es teuer bezahlt. Das Schlechte ist, wenn man ein Lamm ist.«

Sie antwortete nicht und richtete die Pommes Frites auf einem Teller an. Sie salzte sie und stellte sie vor mich hin.

»Es ist gefährlich, ein Lamm zu sein, Lena. Du schleppst eine zentnerschwere Last mit dir herum.

Und die kann dich so lange drücken, bis sie dich zerquetscht. Steh auf und tu was dagegen.«

»Ach, du liebe Zeit! Woher weißt du das?«

Und sie musterte mich mit ihren grünen Augen, die so sanft und zärtlich waren.

»Gib mir noch ein Bier, Lena.«

»Willst du mir nicht antworten?«

»Kann ich dich demnächst mal abends auf ein Bier einladen?«

»Ich trinke nicht.«

»Nie?«

»Vielleicht mal ein Bier auf einem Fest. Aber nur
eins.«

»Und was ist mit Rauchen?«

»Das finde ich eklig.«

»Du bist die Frau, die ich brauche.«

Sie wurde rot wie ein junges Mädchen. Ob das ehrlich war? Frauen sind geborene Schauspielerinnen.

»Kann ich dich zu Hause besuchen?«

»Ja, warum nicht?«

»Bringt es dich in Schwierigkeiten, wenn ich zu dir
komme?«

»Du kannst als Freund kommen, mehr nicht.«

In diesem Augenblick unterbrachen uns ein paar Kunden. Sie musste sie bedienen. Gleich darauf kamen noch andere herein. Ich wartete eine Stunde lang. Die Cafeteria war brechend voll. Wir konnten nicht weiterreden. Als ich gehen wollte und zahlte, sagte ich:

»Ich seh dich morgen wieder hier. Wir haben noch was zu besprechen.«

Sie lächelte sanft und nickte zustimmend.

Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf aus El Calvario und fuhr für eine Woche zu meiner Mutter. Dann reiste ich mit einem Kumpel nach Batabanó weiter, um an der Küste Langusten zu fischen. So kam ich erst fünfzehn Tage später wieder nach Guanabo. Ich war ziemlich spitz, und mein Herz schlug schneller, wenn ich an Lena dachte. Also ging ich sie suchen. An ihrer Stelle stand eine junge, gesunde, sehr hübsche Mulattin mit vollen Lippen, dezent geschminkt, Goldstaub auf den Wangen.

»Guten Abend. Ein Bier, bitte.«

Sie stellte das Bier vor mir auf den Tresen und sagte:

»Das Brathähnchen ist ausgezeichnet. Möchten Sie eine Portion?«

»Das Hähnchen ist seit einem Monat im Kühlschrank und taugt nichts.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich bin Hellseher.«

Sie zog eine verächtliche Schnute, drehte sich um und beendete das Gespräch. Ich winkte sie noch mal her.

»Ja?«

»Wann hat Lena Schicht?«

»Die arbeitet nicht mehr hier.«

»Ach was.«

»Doch, doch.«

»Und wo arbeitet sie jetzt?«

»Keine Ahnung. Sie sind der Hellseher. Sie werden’s ja wohl selber wissen.«

»Nein, Mädchen. Sei so gut. Im Ernst jetzt … Lena und ich, wir sind … Freunde, und … hast du ihre Adresse? Ihre Telefonnummer? Irgendeinen Kontakt?«

»Ich weiß, dass sie in San Miguel del Padrón wohnt.«

»Ja, aber das ist ein Riesenviertel.«

»Ja.«

»Was ist überhaupt passiert?«

»Da gab’s ein kleines Problem. Es haben Geld und Ware gefehlt, und …«

»Und da hat der Geschäftsführer sie rausgeworfen?«

»Nein. Sie hat sich’s raussuchen dürfen. Entweder sie geht, ohne zu mucken, oder er ruft die Polizei.«

»Sieht mir so aus, als hätte der Geschäftsführer sie gelinkt.«

Die Mulattin durchbohrte mich mit ihren Blicken und entfernte sich ans andere Ende des Tresens. Der Geschäftsführer war wohl ihr Macker oder ihr Bruder. Irgendetwas war. Ich fragte noch einmal nach:

»Kannst du mir wirklich keine Adresse von ihr geben?«

»Nein.«

Ich trank mein Bier aus und ging. Nicht weit von dort, bei Martica in der Wohnung, gibt es eine illegale Videothek. Heutzutage ist fast alles verboten. Ich fragte, ob sie den Film Dick Tracy hätten. Nein. Ein paar Verwandte in Miami seien drauf und dran, ihn zu beschaffen, und Batman und Superman dazu. Ein paar Sexstreifen würden sie auch herbringen. Martica pries mir ihre Ware an:

»Sind alles Originale, direkt aus den USA. Und die Pornos sind sechs Stunden lang. Kosten zehn Pesos pro Tag.«

»Ist gut. Wenn ihr sie habt, komme ich Dick Tracy und Batman ausleihen.«

Martica lächelte und sagte: »Jetzt, wo ich genau hinsehe, Sie sehen aus wie Batman.«

»Wie Batman oder wie Dick Tracy?«

»Wie alle beide.«

»Hahaha. Das ist ja abgefahren. Wir sehen uns. Ciao.«

Ich kaufte eine Pulle Rum und ging zum Strand. Es war schon dunkel geworden, und eine Brise wehte. Sehr angenehm, im Sand zu sitzen und Rum zu trinken, im Dunkeln und in der Stille. Mir ging durch den Kopf, dass es vielleicht wirklich stimmte und wir in einem Comic lebten. Versunken in Absurdität und Unwirklichkeit.

©Pedro Juan Gutiérrez

 

Du siehst aus wie Dick Tracy scheint in Kein bisschen Liebe.

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