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WIR KAMEN früh zum Strand. Es war erst halb zehn am Morgen, doch im Schatten jeder Kokospalme lagerten schon Menschengruppen. Nur drei Familien hatten Sonnenschirme aufgespannt. Wir breiteten unsere Handtücher unter einer zerzausten, halb vertrockneten, kränklichen Palme aus. Sie bot einen winzigen Schatten. Meine Frau maulte:
»Das ist genauso gut wie nichts. Da setzen wir uns besser gleich in die Sonne und lassen uns braten.«
»Das ist besser als nichts.«
»Uff, da werd ich ja ganz schwarz!«
»Denk positiv, Julia, denk positiv!«
»Jetzt sind wir umsonst so früh gekommen.«
»Schau mal, wie schön das Wasser ist. Blau und grün. Komm, lass uns reingehen.«
»Nein.«
Sie kann nicht schwimmen. Sie geht mit einem Buch und einem halben Liter Rum an den Strand. Ich bin ganz vernarrt ins Wasser. Ich schwimme gern ein Stück vom Strand weg, bleib eine Stunde draußen, tanke Energie, werfe Ballast ab.
Das tat ich also, entfernte mich einen Kilometer vom Ufer und war ganz allein. Ohne Lärm oder sonst was. Trieb auf dem Rücken vor mich hin. Das salzige, glasklare Wasser, der blaue Himmel, die Sonne, ein leichter Wind, der kaum die Oberfläche kräuselte. So ließ ich mich lange treiben. Ein wunderbares Gefühl. Die totale Balance, könnte man sagen. Nach innen und nach außen. So mag es den Fischen gehen. Man hat keine Gefühle. Nichts stört einen. Die Zeit existiert nicht. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Nichts. Man selbst hört auf zu existieren. So müsste es immer sein. Schließlich komme ich wieder zu mir und kehre zum Strand zurück. Schwimme gemächlich, ohne Eile. Möchte niemals ankommen.
Ich gehe zur Kokospalme. Richtig. Zu wenig Schatten. Es ist Mai, doch die Sonne brennt, als wäre schon August. Ich setze mich in den Sand. Julia liest ein Buch über den Sklavenhandel. Ich sehe sie an und lächle:
»Warum hast du nicht gleich ein ganzes Lexikon mitgebracht.«
»Wieso?«
»Das Buch da hat neunhundert Seiten. Konntest du nichts Dünneres finden?«
»Das lese ich schon seit Tagen.«
»Manchmal bist du sehr praktisch, aber manchmal bist du, hm …«
Ich verkneif’s mir. Ich will keine Szene machen, doch schließlich bin ich es, der den Rucksack trägt, und dieses Buch wiegt fast zwei Kilo. Ich glaube, das hat sie absichtlich gemacht. Ich nehme einen tiefen Schluck Rum. Vier Meter von uns entfernt sitzt eine Familie im Schatten einer großen, gesunden Palme. Es ist ein breiter Schatten. Die Frau ist jung und hat ein hübsches Gesicht. Sie trägt einen verwaschenen, abgewetzten, sehr kleinen Bikini. Er muss mindestens drei Nummern zu klein sein. Sie hat einen großen, schwabbeligen Hängebauch. So viel überflüssiges Fett ist Ekel erregend. Sie mag dreißig Jahre alt sein. Ihr Haar trägt sie kurz und goldblond gefärbt, mit schwarzem Haaransatz. Es ist offensichtlich, dass sie kein Geld zum Haarefärben oder für einen neuen Bikini hat. Ihr Typ ist ein sehr großer, schlanker Mulatte mit langen, herab-hängenden Armen. Sie haben drei Kinder. Alles Jungs und noch klein. Vielleicht ein, zwei und drei Jahre alt. Der Typ redet wie ein Wasserfall. Sie genauso. Sie reden laut und achtlos. Unter einer Palme in der Nähe sitzen zwei Frauen mit zwei kleinen Mädchen. Der Typ und seine Frau reden mit den beiden. Sie beschweren sich über die hohen Preise in den Läden. Die beiden Frauen nicken. Nur ab und zu werfen sie ein:
»Das stimmt. Ja, ja, so ist das.«
Die Frau mit den blond gefärbten Haaren geilt sich daran auf, die Preise aller Dinge um uns herum zu schätzen.
»Siehst du den Schwimmring da? Der dahinten, der hübsche rot-grüne. Mindestens vierzig Dollar. Und die Sonnenschirme kosten sechzig Mäuse oder mehr. Da kann keiner mehr mit! Da kann keiner mit!«
Ihr Mann redet noch lauter. Schreit fast. Er hat eine schlechte Aussprache.
»Als die hier den ersten kriegte, hab ich für … na, für beinahe dreißig Dollar eingekauft. Und ich bin in einen Laden in Havanna gegangen, um die Wiege zu kaufen. Wir sind aus Bauta. Da gibt’s so was gar nich. Ich musste bis nach Havanna kommen, weil die hier unbedingt so ‘ne Karre wollte …«
»Kinderwagen, Elí«, berichtigt die Frau.
»Gut, ‘nen Kinderwagen … Stellt euch vor, die billigsten kosteten achtzig Dollar! Da bin ich gleich wieder um und hab ihr gesagt: ›So viel is keine Karre wert! Windeln, und das war’s.‹ Is alles viel zu teuer, hält doch keiner aus.«
Unterdessen sammeln sie ein verwaschenes Handtuch ein, ihre paar Klamotten und total abgewetzte Schuhe. Der Mann sagt zu seiner Frau, dass sie morgen was zu essen mitbringen wollen, damit sie nicht so früh gehen müssen. Die Frau hört nicht zu. Sie läuft umher. Geht bis zum Wasser. Kommt zur Palme zurück. Sieht sich um, schimpft die Kinder aus, schreit sie wüst an.
»Lass deinen Bruder in Ruhe und hör auf, Scheiß zu machen, bist schließlich der Älteste. Schämst du dich denn nicht? Oder hast du ‘ne Schraube locker?«
Sie schnappt sich den Jungen und gibt ihm eine Kopfnuss. Der Junge von vielleicht drei Jahren schaut belämmert drein, weint aber nicht. Er hebt nur abwehrend den Arm und zieht den Kopf ein. Ich verlor keine Zeit und ging zu ihnen rüber:
»Ihr geht schon?«
»Ja, die Jungs haben Hunger«, antwortete sie mir.
Ich rief Julia:
»Titi, komm her. Die gehen schon.«
Zu dem Typen sagte ich:
»Kumpel, ich hab gehört, wie du gesagt hast, du bist aus Bauta.«
»Ja, wir sin … na, eigentlich nich. Sie hier is von hier, aus Guanabo. Und ich bin aus Bayamo, der heißen Gegend. Aber wir wohnen seit Ewigkeiten in Bauta. Seit die hier ihr erstes Kind gekriegt hat.«
»Ahh.«
»Wieso?«
»Einfach so, weil ich wissen wollte, ob du was weißt über die Vergiftungen, die es dort gegeben haben soll, in einer Pizzeria. Zwei oder drei Tote.«
»Ja. Und in Colón auch. Und noch woanders, ich weiß nich mehr, wo. Ein paar Italiener soll’n dem Besitzer einer privaten Pizzeria fünfzehnhundert Dollar gegeben ham, und so ‘n Pulver, das sollte er auf die Pizzas streuen. Aber sie haben nich gesagt, dass es Gift war, sondern nur, dass die Leute Dünnschiss davon bekommen.«
»Ah. War das wirklich so?«
»Das sagen jedenfalls die Leute. Der Typ hat die Scheine genommen und ‘n paar über den Jordan geschickt, denn es war wirklich Gift. Is wohl selbst dabei drauf gegangen.«
Die Blonde war näher gekommen. Sie hatte einen attraktiven Körper und ein hübsches Gesicht, ganz weiße Zähne. Sie lächelte kokett und anmutig. Keine Ahnung, wie sie einen so fetten Hängebauch haben konnte. Ihre Augen leuchteten voll Energie. Sie sagte:
»Das ist die Konterrevolution. Die Leute soll’n Angst kriegen.«
»Angst wovor?«, fragte ich.
Ihre Antwort interessierte mich nicht, aber so konnte ich sie mir genau ansehen. Sie war wirklich eine sehr attraktive, kraftvolle Frau. Sie hatte ein dichtes, schwarzes Kraushaarbüschel zwischen den Schenkeln. Es lugte unter dem Bikinihöschen hervor. Auch ihre Achselhöhlen waren unrasiert. Sie hatte viele Haare. Jetzt hob sie die Arme, um sich das feuchte Haar glatt zu streichen, und sah mich dabei herausfordernd an. Vielleicht war das schon eine Gewohnheit für sie, wenn ein Mann in ihre Nähe kam. Irgendeine Geste machen, ein bisschen was zeigen.
»Angst vor … ich weiß nicht. Angst eben«, antwortete sie.
»Für fünfzehnhundert Dollar würd ich … ahh, klar doch. Is ‘ne Menge Geld! Da dreh ich glatt drei oder vier Typen den Hals um und verschwinde. Da kriegt mich keiner mehr«, sagte der Mann.
Er hatte ein gebrochenes Nasenbein, und die Wunde war einst mit fünf, sechs Stichen genäht worden. Die Nase platt und nach rechts verdreht. Die Vorderzähne gespalten und zerbrochen. Daher kam also dieses ramponierte Aussehen und die langen, herabhängenden Arme, entspannt, als warte er auf die nächste Runde. Ich fragte:
»Warst du mal Boxer?«
»Erinnerst du dich etwa an mich?«
»Nein.«
»Elíades Silva. Einundachtzig Kilo schwer. Erinnerst du dich denn nicht mehr?«
»Nein.«
»Der war ich.«
»Du bist immer noch du.«
»Ja. Nein.«
»Lange her, dass du mit dem Boxen aufgehört hast?«
»Lange her, dass ich mit dem Boxen aufgehört habe.«
»Wie lange?«
»Wie lange?«
»Aham.«
»Hm, ich vergess das immer.«
»Vier Jahre«, sagte die Frau.
»Vier Jahre. Die hier zählt immer ganz genau und erinnert sich immer an alles.«
»Elí, als wir anfingen, hast du noch geboxt. Und Elíadisito ist jetzt drei.«
Sie sammelten weiter ihre im Sand verstreuten Klamotten ein. Julia kam mit dem Rucksack und unserem Handtuch. Diesen Schatten würde uns niemand mehr wegnehmen. Viele Leute lagen in der prallen Sonne. Am Abend würde ihnen die Haut brennen, und sie würden nicht schlafen können. Der Boxer und seine Familie taten mir leid. Ihre Kleider und Schuhe waren uralt. Das konnte man alles auf den Müll werfen, und niemand würde es auflesen. Ich fragte ihn:
»Hast du lange geboxt?«
»Ich hab mit dreizehn angefangen, und jetzt bin ich zweiunddreißig. Rechne’s dir selbst aus.«
Der Typ sah aus wie fünfundvierzig. Oder wie fünfzig. Er war immer noch schlank und sehnig und hatte ganz gut Muskeln, doch einen Gesichtsaus-druck, der ihn älter aussehen ließ. Vielleicht war es Müdigkeit. Boxen gefällt mir. Ich versuchte mich zu erinnern. Nein. Ich erinnerte mich nicht an Elíades Silva in der Einundachtzig-Kilo-Klasse. Vielleicht hatten sie ihn als Sandsack benutzt.
»Kommt ihr jeden Tag von Bauta hierher?«
»Aber nein, Kumpel! Bist du verrückt? Wir sin … na, sagen wir … also, wir sin gestern gekommen. Sin um fünf Uhr morgens mit dem Bus los und hier so um … na, so um zwölf angekommen. Mussten so vier-, fünfmal umsteigen bis hier.«
Die Frau unterbricht ihn:
»Um zwölf? Du spinnst doch! Um drei war’s, mein Lieber! Und der hier mit der Scheißerei, weil er am Sonntag …«
Der Boxer fällt ihr ins Wort:
»Kumpel, am Sonntag ham sie mir ein Huhn geschenkt und gesagt, dass es schon ein Weilchen aufgetaut war. Ich hab’s mit nach Haus genommen. Du weißt, wie’s ist. Ich hatte eine Riesenlust auf Fleisch. Is ja nicht leicht, jeden Tag nur Reis und Bohnen. Und die hier, die wollte gar nichts davon, als hätte das Huhn die Hühnerpest …«
»Ich hab’s ihm gleich gesagt: ›Das ist vergammelt, Elíades.‹ Aber der ist ja ein solcher Dickschädel!«
»Und die Kinder wollten auch nichts, da hab ich’s ganz allein gegessen. Ich hatte einfach Lust auf Fleisch, was soll ich sagen?«
»Und dann ist dir schlecht geworden?«
»Ich war fast dran gestorben. Hab einen Dünnschiss gekriegt! Einen Dünnschiss, sag ich dir!«
Die Frau unterbricht wieder:
»Elíades hat sie nicht mehr alle. Das macht doch kein normaler Mensch.«
»Ach Quatsch, ich hatte einfach Lust auf Fleisch. Is doch ganz normal!«
»Ich hab ihm gesagt: ›Das Huhn ist vergammelt und krank.‹ Er hat aber gemeint: ›Ach was, das is nich krank.‹ Und hat’s komplett verputzt. Fast war er abgenippelt. War echt schlimm, kannste mir glauben. Richtig heftig. Umgekippt ist er. Als ich mit ihm in der Poliklinik ankam, wusste er nicht mehr, was er sagte. Der Doktor fragte ihn was, und er konnte nicht antworten.«
»Weiß ich gar nich mehr. Hab immer noch Kopfschmerzen. Warum ich dann hier rumlaufe? Wegen der Jungs und wegen ihr, weil sie ihre Eltern besuchen wollte. Wenn’s nach mir ginge, wär ich im Bett geblieben, ich fühl mich total … fertig. Kann kaum gradaus gehen.«
Ich redete los, ohne nachzudenken, und sagte etwas Saudummes:
»Gut, dass du es wenigstens gekocht hast.«
»Vergammelt, total vergammelt! Und man hat’s mir nich mal gesagt. Da blieb bei uns vierundzwanzig Stunden lang der Strom weg, und ich hab Freunde in einem Laden. Alles ging den Bach runter: Hähnchen, Fisch, Milch, Joghurt. Und da ham sie mir das Huhn geschenkt und gesagt: ›Das is nich mehr gekühlt gewesene Ich hab nur gelacht, hahaha, und es komplett verputzt. Und stell dir vor, es hat auch noch gut geschmeckt.«
Die Frau erzählt mehr. Ich tue so, als ob mich das, was sie sagt, sehr interessiert. In Wirklichkeit schaue ich auf das schwarze Haarbüschel zwischen ihren Schenkeln. Vom Bauchnabel führt auch eine dichte Linie schwarzer, gekräuselter Haare nach unten. Das ist ja der Wahnsinn. Sie merkt, worauf ich meine Augen richte, und grinst leicht, während sie redet:
»Er hat sich einen ganz komischen Bazillus eingefangen, und sie sagen, das dauert, bis er den loswird. Aber das Antibiotikum, das er braucht, gibt es nicht. Der Doktor hat mir das klar gesagt und ihm andere Tabletten verschrieben.«
»Die nehm ich auch. Aber null, nichts, das bringt überhaupt nichts. Das war am Sonntag. Heut is Freitag. Sollte doch eigentlich vorbei sein, oder?«
»Klar. Bist du schon beim Bistum gewesen?«, frage ich ihn.
»Was ist das denn?«
»Der Bischof der katholischen Kirche.«
»Und was soll ich da?«
»Manchmal haben sie da Medikamentenspenden. Die gibt’s gratis.«
»Und wo is das?«
»In der Altstadt von Havanna.«
Er fragt seine Frau:
»Weißt du, wo das is?«
»Hinter der Kathedrale.«
»Hahaha, die hier kennt Havanna.«
Jetzt waren sie schon fast dabei zu gehen.
»Und als was arbeitest du jetzt, Elíades? Als Trainer?«
»Ach was! Die ham mich richtig aufs Kreuz gelegt, und ich war aus allem raus. Ich war … mal sehn … fast ein Jahr arbeitslos. Jetzt bin ich Lastwagen-beifahrer … bei einem Privatmann.«
»Nicht gerade leichter Job.«
»Genau. Muss auf dem Markt Säcke abladen. Aber’s kommt was rein dabei. Is ja nich gerade leicht, die ganze Truppe zu versorgen. Drei Jungs und die hier. Und die hier will sogar noch einen.«
»Nicht einen. Einee. Einee! Ein Mädchen muss her, hahaha!«
»Hör mal, Kumpel, die wirft wie ‘n Kaninchen. Die braucht mich bloß in der Unterhose zu sehen, dann is sie schon schwanger.«
»Ich will einfach ein Mädchen. Kannst du dir vorstellen, was es heißt, drei Kerle zu haben, plus Elíades? Vier Kerle. Und ich als Sklavin im Haus eingeschlossen. Ich bin ganz heiß drauf, wieder schwanger zu werden, damit’s vielleicht ein Mädchen wird.«
Der Typ schaut mich an und sagt:
»Die hier meint, es geht nur darum, jeden Tag zu vögeln und schwanger zu werden und Kinder zu kriegen, und das war’s. Hör mal, is nich gerade leicht, ich muss unheimlich ranklotzen. Zieh jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe los und komm erst um neun, zehn Uhr abends nach Haus. Manchmal erst um elf.«
Die Frau sagt:
»Der hier will mich einfach nicht arbeiten gehen lassen. Ich bin aber immer arbeiten gegangen. Ich halt’s auf Dauer nicht aus im Haus.«
»Aber bei drei kleinen Kindern …«
»Such ich mir eben jemand, der drauf aufpasst. Aber der hier ist total eifersüchtig.«
»Hat mit Eifersucht nichts zu tun. Ich weiß nur, mit wem ich’s zu tun habe.«
»Hör mal, red bloß nicht so, der Herr hier wird sonst denken …«
»Dann sag halt nich, dass ich eifersüchtig bin. Sag die Wahrheit, wo hab ich dich kennen gelernt?«
»In einer Bar. Das reibst du mir immer unter die Nase. Ist doch nichts Schlimmes. Hab doch nichts Schlimmes gemacht da.«
»Das sagst du. Bars sind aber für Männer. Und alle war’n sie hinter dir her da, weiß ich noch genau …«
»Okay, okay. Das interessiert den Herrn doch gar nicht.«
»Frauen, die in Bars rumhängen, sind noch nie gut angesehen worden.«
»Jetzt reicht’s, Elíades, wirklich. Werd nicht gemein.«
»Was willst du also arbeiten? Fehlt dir etwa was?«
»Nein. Aber wenn ich arbeiten würde, wär’s besser. Gibt ‘ne Menge Sachen, die ich machen kann.«
»Kommt nich in Frage. Die Frau gehört ins Haus. Punkt und aus.«
Jetzt hatten sie ihre Sachen zusammen. Der Typ streckte mir freundschaftlich die Hand entgegen. Er drückte meine fest, lächelte und sagte:
»Hör mal, die Eltern von der hier wohnen … Siehst du das Haus da hinten, auf dem Cafeteria Vista Mar steht?«
Er zeigte auf ein zusammengefallenes Gebäude, ungefähr hundert Meter entfernt. Einstöckig. Es schien leer zu stehen, auch wenn es mal eine Cafeteria gewesen war. An der Stirnseite stand noch die Aufschrift.
»Ja, seh ich.«
»Da wohnen die Eltern von der hier. Kommt doch mal vorbei, dann trinken wir einen zusammen. Wir sind bis morgen oder übermorgen da.«
Sie zogen ab. Ich sah ihnen nach, wie sie zu dem Gebäude gingen. Danach schwamm ich noch ein bisschen, trank Rum, blätterte in dem Buch über den Sklavenhandel. Ich bin unfähig, ein Buch mit neunhundert Seiten zu lesen. Redete mit Julia über den täglichen Quatsch. So um zwei Uhr nachmittags packten wir zusammen und machten uns auf den Heimweg.
Wir liefen durch den Sand. Julia wollte direkt zur Straße, den 400er-Bus nehmen und nach Havanna zurückfahren. Doch es reizte mich, die Frau noch einmal zu sehen. Das schwarze Kraushaarbüschel zwischen den Beinen war sehr aufreizend. Ich stellte mir den Geruch vor, der davon ausging, und bekam eine Erektion.
»Lass uns bei der Cafeteria vorbeigehen und den Leuten guten Tag sagen.«
»Wozu das denn? Nee, Mann, nee!«
»Nur so. Aus Neugier.«
»Seit wann bist du denn so neugierig?«
»Der Typ war mal Boxer. Ist doch interessant. Nur zum Guten-Tag-Sagen.«
Wir gingen auf die Cafeteria zu. Ein ziemlich großes, verrammeltes Gebäude. Vor den Fenstern sind von der Salzluft zerfressene Eisengitter, im Sand davor liegt viel Müll unter drei oder vier Kokospalmen. Es scheint seit Jahren leer zu stehen. Total vergammelt. Sieht nicht so aus, als könnte da drin jemand leben. Julia sagt:
»Du willst doch nur …«
»Komm schon, Mädchen, komm. Stell dich nicht so an.«
»Dir ist nicht zu helfen.«
»Na komm schon.«
»Nein. Ich warte hier auf dich. Beeil dich.«
Sie läuft zum Wasser hinüber. Sie ist Mikrobiologin. Sieht überall Bakterien, Mikroben, Viren und Bazillen. Ich habe eine eher poetische Sicht der Welt. Hab noch nie durch ein Mikroskop oder ein Teleskop geschaut. Würde ich wahrschein-lich noch viel mehr Angst kriegen.
Ich gehe auf die Tür der Cafeteria zu. Sie hat kein Schloss. Drinnen ist es dunkel. Ich stecke den Kopf hinein, versuche, etwas zu erkennen. Es stinkt nach toten Mäusen. Der Innenraum ist riesig groß, feucht, nach allen Seiten verrammelt und heruntergekom-men. In der Mitte steht Brackwasser in einer Pfütze. Links liegen auf Feldbetten und Matratzen die drei Kinder und Elíades. Sie schlafen. Hinten im Raum sitzt eine schmutzige alte Frau, gegen die Wand gelehnt, auf einem Holzkasten. Sie schaut mich an und sagt nichts. Rührt sich überhaupt nicht. Ich grüße:
»Guten Tag.«
Sie nimmt keine Notiz von mir.
»Ich wollte Elíades besuchen.«
Vielleicht ist sie taub. Sie sieht stur geradeaus, spricht nicht. Ich rufe nach Elíades:
»Elíades, hör mal, Elíades!«
Er schläft tief und fest. Ich gehe zu ihm hinüber. Als ich den Raum betrete, wird der Gestank nach toten Mäusen stärker. Das Brackwasser stinkt auch. Ich versuche, die Luft anzuhalten. Ich schüttle Elíades und rufe seinen Namen. Langsam öffnet er die Augen. Erkennt mich. Richtet sich auf. Von weitem hat es so ausgesehen, als schliefe er auf einer am Boden liegenden Matratze. Nein. Es sind verdreckte Pappkartons. Er reibt sich die Augen und lächelt mich an:
»Hallo, Kumpel. Wie sieht’s aus? Ich dachte, du kommst nich, und hab die selbst leer getrunken.«
Er zeigt auf eine leere Flasche am Boden. Seine Augen sind glasig.
»Hast du gut gemacht. Ich bin spät dran.«
»Wie viel Uhr ist es?«
»Fast drei.«
»Nachmittags?«
»Ja.«
Er schaut sich suchend um.
»Und die ist immer noch verschwunden. Immer das Gleiche.«
»Die Frau da ist ihre Mutter?«
»Ja, aber die Alte ist durchgeknallt. Und der Alte genauso. Muss da draußen rumlaufen. Bettelt immer die Touristen an, um ein paar Münzen. Davon leben sie, verstehst du, hahaha.«
»Sie spricht nicht?«
»Manchmal schon, je nachdem, wie’s ihr grad geht. Sind beide nich mehr ganz dicht.«
In diesem Augenblick kam ein sehr alter, zerlumpter Mann herein. Ein totales Wrack. Anscheinend hatte er seit Jahren nicht mehr die Kleider gewechselt oder sich gewaschen. Er kam auf uns zu, streckte die Hand nach Münzen aus und sagte:
»Hast du Nelson gesehen, den Bettler?«
»Wie?«, fragte ich.
»Hast du Nelson gesehen, den Bettler?«
Elíades mischte sich ein:
»Schon gut, Alter, schon gut. Wir haben keine Münzen, also hör auf zu nerven. Geh zum Teufel. Komm, Kumpel, lass uns nach draußen gehen.«
Wir gingen nach draußen. Unter den Kokospalmen blieben wir stehen. Elíades blickte zu den Menschen am Strand hinüber. Ich überlegte, ob ich ein bisschen Rum kaufen sollte, damit wir uns dort hinsetzen könnten, trinken und reden. Aber Julia ging langsam am Wasser auf und ab und wartete auf mich. Elíades schlug mit der geballten Faust gegen den Stamm einer Palme:
»Deshalb komm ich nich gern her. Sie macht das jedes Mal.«
»Was denn?«
»Die haut einfach ab und verschwindet.«
»Deine Frau?«
»Du hast doch gesehen, wie früh wir vom Strand weggegangen sind.«
»Ja.«
»Wir sin hierher gekommen, und sie hat kein Mittagessen gemacht für die Jungs. Sie hat sich angezogen und zu mir gesagt: ›Ich komm gleich wieder. Ich besuch nur schnell eine Freundin. Lass die Jungs nicht allein, pass gut auf sie auf.‹ Und dann war sie auch schon weg.«
»Sie kommt sicher gleich wieder.«
»Ach was! Die kommt erst morgen oder übermorgen. Wenn wir nach Haus fahren.«
»Im Ernst!«
»Is nich leicht! Is nich leicht mit der Frau.«
Ich roch immer noch den Gestank von toten Mäusen.
»Ich komm nich gern her. In Bauta is sie ruhiger. Ich geh wirklich ganz früh arbeiten und komm spätabends zurück. Keine Ahnung, was sie da die ganze Zeit macht, aber ich hab den Eindruck, sie is ruhiger da.«
Wir schwiegen eine Weile. Ich spürte, wie unruhig er war. Ich musste an ein paar Situationen von vor vielen Jahren denken, und seine Unruhe sprang auf mich über. Ich fühlte einen Anfall von Niedergeschla-genheit.
»Elíades, ich muss los.«
»Nee, Kumpel, nich doch. Hier in der Nähe gibt’s Fusel zu kaufen. Ich hab noch fünf Pesos. Trinkst du auch Fusel, oder hast du’s nur mit Rum?«
»Ich trink alles.«
»Wart ‘nen Moment, ich hol ‘ne Flasche.«
»Nein, nein. Bleib da. Ich hab um fünf einen Termin beim Zahnarzt, und es ist schon drei.«
»Ach, verdammt.«
Ich rief Julia mit einem Pfiff. Sie schaute zu mir, und ich winkte ihr zu. Sie kam rüber. Elíades versuchte es weiter:
»Leist mir ‘ne Weile Gesellschaft, Kumpel.«
»Nein, Bruder, ich muss los. Wird mir sonst wirklich zu spät.«
»Kommt ihr morgen?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht.«
»Kommt doch morgen.«
Er gab mir einen kräftigen Händedruck. Ein prima Kerl. Er hatte ordentlich Kraft. Seine Unruhe war vorbei. Jetzt hatte ich ein komisches Gefühl. Ein bisschen Traurigkeit. Die heftige Erinnerung hatte mir nicht gut getan. Er gab Julia lächelnd die Hand und wiederholte:
»Kommt morgen. Kommt doch morgen wieder.«
Wir gingen zur Straße hinüber. Julia sagte:
»Was für ein rabiater Kerl! Weiß nicht mal, wie man einer Frau auf Wiedersehen sagt.«
»Warum?«
»Mir tut die Hand weh. Er hat zugedrückt, als sei ich ein Mann.«
Wir kamen zur Haltestelle des 400ers und fragten, wann der letzte fuhr. Nur drei Leute warteten da. Sicher würden wir für die Rückfahrt nach Havanna einen Sitzplatz finden.
©Pedro Juan Gutiérrez
Der Boxer erscheint
in Der unersättliche Spinnenmann.
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