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  El insaciable hombre araña (Alemania)  
 
Leer Ruhe, Frieden, Gelassenheit
Pedro Juan Gutiérrez

ICH HÖRTE den »Messias« von Händel. Es war sechs Uhr nachmittags, und ich musste mein Gemüt ein wenig beruhigen. Am Abend zuvor hatte ich einen Riesenkrach mit meiner Frau gehabt. Ein paar Freunde hatten uns zum Essen eingeladen. Wir gingen hin, tranken, quatschten. Das Übliche. Wir waren so um die zehn Leute. Wir tranken ordentlich. Schließlich wurde das Essen auf den Tisch gestellt. Und ich machte Julia sehr aufmerksam einen Teller fertig, gab ihn ihr und ging in die Küche, um weiter zu trinken und zu reden. Ein Mulatte mit einem ganz merkwürdigen Gesicht – er sah aus wie ein grinsender Hai – half dort aus. Er wusch Teller und Gläser, schenkte ein. Er kam überhaupt nicht aus der Küche heraus, war aber sehr fleißig. Er trank nicht. Arbeitete nur. Die Hausherrin war in ihren Jugendjahren ein berühmter Tingeltangel-Star gewesen. Ich glaube, dieses Wort benutzt man heute nicht mehr. Oder die ganze Sache ist aus der Mode gekommen. Ich weiß nicht. Sie war ein Tingeltangel-Star. Diese verführerischen Frauen voll Glamour haben immer einen Hofstaat entzückender kleiner Schwuler um sich, die sie bewundern-verehren-beneiden-anhimmeln. Und außerdem saugen sie die betörenden Ausdünstungen der Diva in sich auf. Der Mulatte war einer dieser kleinen Schwulen. Er half ihr voller Liebe und Hingabe. So verhinderte er, dass sie sich die Hände schmutzig machen musste. Im Gespräch mit dem Typen stelle ich fest, dass wir Nachbarn sind. Wir wohnen zwei Blocks voneinander entfernt im Stadtzentrum von Havanna. Und ich weiß nicht mehr, warum wir anfingen, über Heiligenverehrung zu reden. »Du bist ein Sohn von Changó, aber deine Mutter ist Ochún«, sagte er. Und so ähnlich ging es weiter. Wir hatten Gemeinsamkeiten. Es herrschte eine gute Chemie zwischen dem schwulen Hai und mir. Er wusch Teller, und ich trank Rum. Dann erzählte er, dass er in einem Krankenhaus arbeitete.

»Ich hab aber viel freie Zeit, und da komme ich eben hierher und helfe unserem Star.«

»Warum?«

»Warum was?«

»Die viele freie Zeit.«

»Ich arbeite vierundzwanzig Stunden am Stück und hab dann drei Tage frei.«

»Was machst du im Krankenhaus?«

»Ich seziere Leichen.«

»Au Mann.«

»Hahaha, macht dir das etwa Angst?«

»Hm, ja.«

»Alle Söhne von Changó sind wie Kinder. Sie machen einen auf Macho und Weiberheld, aber sie haben Angst vor Toten, vor Friedhöfen, vor dem Wald, vor der Nacht. Alles macht ihnen Angst.«

Ich bat ihn sofort, mir etwas von seiner Arbeit zu erzählen. Mein liebster Zeitvertreib ist es, fremdes Blut zu saugen. Der Typ arbeitete schon sechs Jahre in der Leichenkammer des Krankenhauses. Ich sah vor mir einen sprudelnden Quell von Leben und Tod, die sich auf wahnsinnige, schrille Weise mischten. Ich sagte ihm das, und er fuhr völlig drauf ab. Er wollte mir alles sofort und auf einmal erzählen.

»Oh, mein Lieber, aber klar doch! Willst du ein Buch mit mir machen? Ich als Star? Ich im Rampenlicht, auf der Bühne, im Glitzerkleid? Hahahaha … Mein Foto auf dem Buchumschlag?«

»Nein doch, nein. Beruhig dich. Vielleicht wird’s nur eine Kurzgeschichte. Eine ganz kurze.«

»Macht nichts. Dann wird’s ein Monolog von mir. Ohne weitere Personen. Ich und eine junge, hübsche Frau, die ich nach und nach zerlege, hahaha. Kann ich dir alles erzählen. Du musst mich aber auch nennen, mit Vor- und Nachnamen. Der Wahnsinn! Keine Pseudonyme. Ich für alle Ewigkeit unsterblich, und im Coppelia werden sie mir nachrufen: Luder, Luder!«

Da saß ich also in der Küche und arbeitete. Ein paar Tage zuvor hatte ich einen Wahnsinns-Roman abgeschlossen. Ein tropisches Supermonster, das mich erschöpft, nervös, total schlaflos, mit schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen zurückgelassen hatte. »Fertig mit den Nerven«, wie meine Frau sagte. Es heißt, schreiben hilft, die Dinge zu verstehen. Bei mir funktioniert das genau andersrum: Ich bin von Tag zu Tag ratloser.

Ich hatte mir vorgenommen, erst mal ein Jahr nur zu malen, um mich ein bisschen zu erholen. Und da taucht, während ich noch im Roman-Schock stecke, ein Typ wie der Leichenschneider vor mir auf. So müsste auch der Titel heißen. Ah, verdammt, was für ein gespenstischer Beruf. Den Typen konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ich sah mich selbst schon mit schwarzem Umhang und langen Eckzähnen, wie ich ihm in die Halsschlagader beiße. Da kam meine Frau mit dem vollen Teller in der Hand, knallte ihn vor mir auf den Tisch und sagte:

»Das kannst du selbst essen, ich will das nicht.«

Dann drehte sie sich um und verschwand wieder im Wohnzimmer. Der Leichenschneider wusch still weiter seine Teller und machte Cuba Libres und Mojitos, als habe er nichts gehört. Ich zog den Teller zu mir ran. Ich bezwang den Drang, ihn auf den Boden zu knallen, sie am Hals zu packen, sie die Treppe hinunterzuzerren und auf die Straße zu schleifen, wo wir uns ein paar Wahrheiten ins Gesicht schreien konnten. Ich atmete tief durch und sagte mir: ›Nein, mein Bester, beruhig dich, sei nicht so blöd. Mach keine Szene. Wenigstens nicht vor den Leuten hier.‹ Also nahm ich den Teller und aß alles auf. Weißen Reis, schwarze Bohnen und Languste in Chili-Soße. Köstlich. Der Leichenschneider sah mich aus dem Augenwinkel an und fragte:

»Möchtest du ein Bier zum Essen?«

»Ich bleib lieber bei Rum.«

Als ich fertig gegessen hatte, machte ich mir ein ordentliches Glas Rum mit Eis. Dann zündete ich eine lange, duftende Zigarre an. Tabak und Rum helfen immer beim Philosophieren. Ich sagte dem Leichenschneider, wir träfen uns sicher in einem klareren Augenblick wieder, und ging ins Wohnzimmer hinüber. Alles quasselte wüst durcheinander. Es waren viele Leute vom Film da, die über die letzten Oscars redeten. Total begeistert. Ich redete auch ein bisschen, obwohl ich nichts von den Oscars verstehe. Egal. Schließlich gingen wir. Vielleicht wurde es schon Morgen. Auf der Straße angekommen, fragte ich mein Frauchen ganz vorsichtig:

»Darf man wissen, was zum Teufel mit dir los war?«

»Spiel jetzt bloß nicht den Unschuldigen!«

»Was hab ich denn getan? Oder was hab ich nicht getan?«

Langsam wurden wir lauter.

»Du hast mir ‘nen Riesenteller mit Reis und Bohnen voll geladen, als sei ich ein Schwein. Hast mir den hingeknallt und bist verschwunden.«

»Reis, Bohnen und Languste. Das war’s, was es da gab, Julia.«

»Stimmt überhaupt nicht. Da gab’s ein paar phantastische Salate und …«

»Und weshalb hast du dich nicht selbst bedient?«

»Du hättest dich wie der Mann an meiner Seite benehmen müssen. Wie ein Caballero gegenüber seiner Frau …«

»Ich hab keine Salate gesehen.«

»Weil du blau warst.«

»Du warst selbst blau. Und jetzt bist du’s noch mehr.«

»Ja, klar bin ich blau. Und hab ‘nen Riesenhun-ger.«

»Hast du nichts gegessen?«

»Nein. Die Leute haben sich auf das Essen gestürzt, und im Nu war alles weg.«

»Hahaha, das freut mich. Geschieht dir recht. Was musst du auch die große Dame spielen mit dem eleganten Gatten. Und dann hast du gesoffen wie ein Fuhrmann. Jetzt siehst du nicht mal, wo du hintrittst.«

»Du bist besoffener als ich.«

So stritten und schrien wir weiter. Jetzt scheint das witzig. Doch es war nicht witzig. Es war verdammt ernst. Und verdammt destruktiv. Und es sorgte dafür, dass wir noch ein Stückchen mehr Zärtlichkeit verloren. Wir schrien uns an und beleidigten uns. Sie lief plötzlich schneller und machte sich davon. Ich rief ihr hinterher. Sie hörte nicht auf mich und bog an der ersten Ecke ab. Ich ging geradeaus, Richtung Meer, Richtung Malecón. Ein paar Stunden später kam ich zu Hause an. Sie schlief schon. Ich fiel ins Bett wie ein Stein und merkte gar nicht, als sie aufstand und zur Arbeit ging. Sie hat einen Scheißjob: fünfundzwanzig Dollar im Monat dafür, dass sie von Montag bis Samstag Pizza verkauft. Um sieben Uhr morgens geht sie aus dem Haus. Um acht Uhr abends kommt sie wieder, mit dem Geruch nach Rauch, ranzigem Käse und Frittierfett im Haar. Meistens ist sie gereizt, hat mehr Falten im Gesicht als sonst und lamentiert über die Regierung, den Busverkehr, der ein Desaster ist, die Nachbarn, die auf die Treppe scheißen, und darüber, wie schlimm alles ist und dass es noch viel schlimmer werden wird, weil die Zukunft schwarz ist. Sie hat keine Sozialversicherung, keinen bezahlten Urlaub, keinen Anspruch auf Rente, keine Gewerkschaft noch sonst was. So geht das ständig weiter, und sie steckt mich an.

Ich hörte also Händel. Ich wollte die Krise vergessen und die Probleme der armen Länder und die Politiker, die reden und reden und versprechen, dass es uns bald besser gehen wird. Und ich wollte den absurden Krach mit Julia vergessen. Anscheinend waren Händel und der Leichenschnei-der die Ausgeglichensten und Lockersten in diesem ganzen Durcheinander. Da dachte ich daran, dass meine Frau mir ein paar Tage zuvor gesagt hatte: »Du wirst immer schlimmer. Ich finde, du bist ein verdreckter, einsamer alter Säufer geworden, der seine ganze Bitterkeit rausschreibt. Auf mich brauchst du nicht zu zählen. Eines Tages nehm ich meine Klamotten und hau ab, ich kann diesen Quatsch nicht länger mitmachen.«

Nach der Affäre mit Silvia vögelte ich wild durch die Gegend. Probierte alles aus. Das war irgendwie zwanghaft und unkontrollierbar. Ich kann nur einen winzigen Teil von dem aufschreiben, was tatsächlich geschah. Als Julia auftauchte, dachte ich, meine Seele könnte für den Rest meines Lebens Ruhe finden. Und so heirateten wir. Großer Fehler. An meiner Seite mutierte sie in vier Jahren von einer gelassenen, sanften Frau zu einem rasenden, ätzenden Weib. Die Ehe macht alles kaputt. Oder ich mache alles kaputt. Keine Ahnung.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Ich drehte ein wenig die Lautstärke herunter. Der »Messias« trat in den Hintergrund, und ich nahm ab. Iris. Eine alte Freundin. Sie liebt die Effekthascherei und sagt aus heiterem Himmel: »Heute ist ein trauriger Tag. Deine Freundin ist sehr traurig.« Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sie fährt fort: »Und ich habe ein sehr trauriges Gedicht geschrieben. Hast du drei Minuten für mich?« Und liest vor: »Die traurige Frau schloss die Augen. Sie ist müde. Ihr dicker, schwerer Körper will ruhen.« Und so geht es weiter. Es ist ein eindringliches, langes, depressives Gedicht. Als sie geendet hat, sage ich ihr, das sei ganz gut und sie solle mal ein kleines Buch zusammenstellen. Manchmal schreibt sie gute Texte, aber sie wiederholt unablässig: »Ich bin eine Intellektuelle, ich bin eine Intellektuelle, aber mein Mann versteht mich nicht, er will mich klein machen.« In Wirklichkeit ist sie eine einfache Hausfrau und Ehefrau, die ein paar Bücher gelesen hat und manchmal ganz passabel schreibt. Das ist alles. Doch der Größenwahn macht sie kaputt. Sie ist Löwin. Napoleonisch. Sie fragt mich, was ich mache. Ich erfinde irgendetwas:

»Ich male einen Tank.«

»Einen Tank wie im Krieg? Du malst ein Bild?«

»Nein. Einen Wassertank. Ich schmirgele ihn ein wenig ab, damit ich ihn lackieren kann.«

»Aha.«

Ich will ihr nicht sagen, dass ich genervt bin und aus dem Lot und dass ich Händel höre. Das ist die Wahrheit, auch wenn es gemein klingt. Wir verabschieden uns. Ich höre weiter den »Messias«. Fünf Minuten. Dann wieder das Telefon. Haymé. Eine wunderschöne Schwarze. Na, vielleicht nicht ganz. Mir scheint sie wunderschön. Schlank und groß. Sie lacht immer und über alles. Ist ungeheuer pragmatisch. Wir waren Nachbarn und hatten über zwei, drei Jahre eine erotische Beziehung. Sie wollte etwas Ernsteres. Immer wollen sie etwas Ernsteres. Ich nicht. Und schon gar nicht mit Haymé. Ich bin nicht gern mit ungeheuer pragmatischen Leuten zusammen. Eine solche Frau hat mich mal ziemlich kräftig in den Arsch getreten. Vor Silvia. Das hat gereicht. Haymé ist irgendwann weggezogen. Sie hat eine Beziehung mit einem sehr weißen Typ. Sie wohnen zusammen, und sie hat gerade ein Kind bekommen.

Ohne Zweifel ist der Typ der Vater, denn Haymé ist sehr dunkel, und das Kind ist ein heller Mulatte mit glatten Haaren. Er heißt Yonismí. Er ist schon zwei Monate alt.

»Wo hast du denn den Namen her?«

»Aus einer Fernsehserie.«

»Welche Serie?«

»Eine amerikanische, mit Polizisten.«

»Ist das vielleicht Johnny Smith?«

»Ja, genau der. Johnny Smith.«

»Ahh.«

Wir reden weiter, und ich habe das Gefühl, dass sie Lust zu vögeln hat. Vor vier Monaten haben wir uns gesehen, haben uns zufällig auf der Straße getroffen. Sie sah super aus mit ihrem Riesenbauch, im siebten Monat schwanger, und mit dem Bauchnabel, der sich durch den Kleiderstoff abdrückte, geschwollenen Brüsten, sehr dicken Lippen, dem knackigen Hintern, der so aufsehenerregend daherkam wie der Bauch. Ich schlug ihr vor, ein paar Aktfotos zu machen. Sie war begeistert:

»Bin ich wirklich so schön?«

»Noch schöner. Du siehst aus wie eine afrikanische Königin.«

»Oh.«

Am Ende schaffte sie es nie die Treppe zu meiner Wohnung hinauf, weil es Komplikationen gab; das Kind wollte zu früh kommen. Bei ihr zu Hause konnten wir die Fotos nicht machen. Ihr Mann ist Automechaniker und hat seine Werkstatt nebenan. Schließlich sahen wir uns nicht mehr, und sie bekam ihr Kind. Jetzt taucht sie wieder auf.

»Wann sehen wir uns, Haymé?«

»Wann du willst. Ich bin ganz in deiner Nähe.«

»Wo bist du denn?«

»Bei meiner Mutter.«

»In fünf Minuten bin ich da. Warte an der Tür auf mich.«

Die Mutter wohnt einen Block von mir entfernt. Ich warf mich in mein Herzensbrecher-Outfit: ärmelloses T-Shirt und Baseballmütze. In zwei Minuten war ich da. Ich machte mir schon Hoffnungen. Oft hatten wir dort im Wohnzimmer gevögelt. Ein Stuhl, den ich gegen die Wand stellte, gefiel uns besonders. Sie setzte sich rittlings auf mich. Sie hat sehr lange Beine, und in dieser Position machte sie die tollsten Sachen. Unvergesslich. Sie rief mich an, wenn ihre Mutter zur Arbeit ging, und schon war ich drüben, wie ein Formel-1-Rennwagen: laut und schnell und mit einer Wahnsinnserektion. Jetzt erwartet mich Haymé mit ihrem Kind auf dem Arm. Sie hat riesige, runde, appetitliche Brüste. Viele Leute sind da. Die Mutter sieht mich böse an. Wie sie es immer getan hat. Ich bin weiß und fünfzehn Jahre älter als ihre Tochter. Sie ist eine rassistische Schwarze, die alte Hexe. Einmal hat sie es mir gesagt: »Mich nerven die weißen Bürschchen, die sich wer weiß wie toll finden.« Ich antwortete: »Ich finde mich nicht toll, gnädige Frau. Ich bin immer toll gewesen. So toll, dass die Frauen mich aushalten.« Sie meinte: »Widerliches weißes Bürschchen, ha.« Seit dem Tag grüßen wir uns nicht mehr. Wir ertragen uns gegenseitig nicht. Jetzt läuft die gute Frau ein paar Mal an uns vorbei, und natürlich sehen wir uns nicht an. Sie denkt sicher, dass ich im völlig falschen Moment wieder auf der Bildfläche erscheine. Ich tue so, als käme ich zufällig am Haus vorbei und: Oh, welch eine Überraschung, Haymé und der kleine Johnny Smith! Sie sagt, dass jede Titte jeden Tag zwei bis drei Liter Milch gibt und dass sie ihr wehtun, wenn der Kleine dran saugt, und Yonismí ist immer am Saugen. In allen Einzelheiten erzählt sie mir die Geschichte von der Geburt und dass sie in ein paar Tagen sechsunddreißig Jahre alt wird und sich eigentlich schon zu alt findet, ein Kind zu bekommen. Das Baby ist unruhig und weint ein bisschen. Sie knöpft die Bluse auf, holt eine ihrer Titten raus und lässt ihn saugen. Ich sehe sie gierig an.

»Du siehst wunderhübsch aus nach der Geburt.«

»Du immer mit deinen Sprüchen … Mein Mann sagt mir so was nie.«

»Ich hätte dir Blumen mitbringen sollen, anstatt mit leeren Händen zu kommen.«

»Lass gut sein, mach mir nicht das Leben schwer. Ich werd schon ganz feucht, gleich spring ich dich an und beiß in dich rein.«

»Hm, hört sich gut an.«

»Dies Kind hier könnte von dir sein, du Arsch.«

»Gefall ich dir immer noch?«

»Du wirst mir immer gefallen, das weißt du genau.«

»Wann können wir uns sehen?«

»Nächste Woche. Mami kann ein paar Stunden auf das Baby aufpassen.«

Ich sehe sie schweigend an. Sie sagt:

»Schau mich nicht so an, mein Lieber. Mir läuft es schon die Schenkel runter.«

»Oh, verdammt! Schau mal, was bei mir los ist.«

Ich zeig auf meine Hose. Der Stoff ist straff gespannt und pulsiert. Uff. Stopp. Wir wechselten das Thema. Sie erzählte mir, dass das Baby außer ihrer Milch jeden Tag mehrere Unzen Karottensaft trinkt. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sonst noch redeten. Ich musste mich zusammenreißen, um sie nicht zu küssen und an ihren Titten zu saugen. Die Mutter und andere Verwandte gingen ein und aus. Haymé war das schwarze Schaf der Familie, und keiner von ihnen wollte, dass sie ihre Ehe gefährdete, weil sie sich mit einem tollen weißen Bürschchen von fünfzig einließ. Ich verabschiedete mich:

»Rufst du mich nächste Woche an?«

»Montag oder Dienstag. Bist du allein zu Haus?«

»Den ganzen Tag, Haymé. Ich warte auf dich.«

Ich ging zum Malecón vor, zur Strandpromenade, und lief Richtung Vedado. Im Kino La Rampa wurde »Alles über meine Mutter« gegeben. Wegen der Nominierung für den Oscar. Haymé hatte mich noch unruhiger gemacht. Vielleicht würde mich der Film alles über mein Leben vergessen lassen. Im Kino gab’s keinen Strom. Ungefähr zehn Leute warteten vor dem Eingang. Ein Lastwagen kam mit fünf grau gekleideten Arbeitern. Sie besahen sich die Leitungen, schauten sich die Transformatoren an, redeten untereinander. Schließlich luden sie eine Leiter und ein paar lange, gelbe Stäbe ab. Einer stellte die Leiter an einen Mast und stieg hinauf. Mit einem Stab berührte er etwas an der Spitze des Mastes und stieß dann ein paar Mal dagegen. An einem anderen Mast hörte man einen lauten Knall, und ein stahlblauer Blitz lief die Leitung entlang. Ein paar Frauen riefen: »Ayy!« Sechs oder sieben Polizisten näherten sich dem Lastwagen. Sie sahen besorgt und unruhig aus. Ein lauter Knall stört die Ordnung. Das ganze Viertel hatte keinen Strom mehr. Einer der Arbeiter sagte:

»Verdammt, jetzt ist das endgültig im Arsch!« Ein anderer sagte:

»Die Leitungen sind einfach zu alt. Das ist doch eine einzige Scheiße! So kann doch keiner arbeiten!« Einer von ihnen stieg in den LKW und sprach über Funk: »Hör mal, das wird schwierig hier. Schick mal …«

Ich machte mich aus dem Staub. Weiß nicht mehr, wohin. Machte mich einfach aus dem Staub.

©Pedro Juan Gutiérrez

 

Ruhe, Frieden, Gelassenheit erscheint in Der unersättliche Spinnenmann.

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