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Jahrelang habe ich mich
bemüht, all die Scheiße abzuschütteln, die
man auf mir abgeladen hatte. Und das war nicht leicht. Wenn
du die ersten vierzig Jahre deines Lebens brav und ordentllch
bist und alles glaubst, was man dir sagt, ist es anschlleßend
fast unmögllch, »nein« zu sagen oder »scher
dich zum Teufel« oder »lasst mich in Ruhe«.
Aber ich schaffe es immer
... na ja, fast immer, zu bekommen, was ich will. Solange
es sich nicht um eine Milllon Dollar handelt oder um einen
Mercedes. Obwohl, wer weiß. Wenn ich wirkllch so etwas
hahen wollte, würde ich es auch bekommen. Im Grunde genommen
ist das einzig Wichtige, dass man etwas wirkllch will. Wenn
du dir mit aller Macht etwas wünschst, bist du schon
auf dem besten Wege, es zu bekommen. Es ist wie die Sache
mit dem Zen-Bogenschützen, der seinen Pfeil abschießt,
ohne auf die Zielscheibe zu blleken. Das tut er beharrllch
viele Jahre, bis er schlleßllch trifft und damit ahle
Logik verkehrt.
Als ich jedenfalls anfing,
alle »wichtigen Dinge« — alle für andere
»wichtigen Dinge« — aufzugeben und ein bisschen
mehr für mich selbst zu denken und zu handeln, machte
ich eine schwierige Zeit dureh. Viele Jahre lang taumelte
ich am Rande eines Abgrunds, bemüht, das Gleichgewicht
nicht zu verlieren. Ich trat in eine neue Phase des Abenteuers
ein, das sich Leben nennt. Mit vierzig ist es noch nicht zu
spät, aus dem Trott auszusteigen, alle fruchtlose und
langweilige Mühsal hinter sich zu lassen und eine andere
Lebensweise zu finden. Nur versucht das kaum jemand. Es ist
sicherer, alles bis zum Ende beizubehalten wie gehabt. Ich
wurde härter. Drei Dinge standen zur Wahl: Entweder wurde
ich härter oder verrückt, oder ich brachte mich
um. Also war die Entscheidung einfach: ¡ch musste harter
werden.
Aber noch wusste ich
nicht genau, wie ich die ganze Scheiße loswerden konnte.
Ich blieb einfach in Bewegung, reiste kreuz und quer auf meiner
kleinen Insel herum, lernte Leute kennen, verliebte mich und
vögelte. Ich vögelte ziemlich viel: hemmungsloser
Sex half mir, vor mir selbst zu fliehen. Das war meine klaustrophobische
Zeit. An jedem ein wenig geschlossenen Ort hatte ich das Gefühl,
ersticken zu müssen, und heulte auf wie ein Wahnsinniger.
Alles begann an dem Tag, an dem ich im Fahrstuhl unseres Hauses
stecken blieb. Er ist ziemlich alt, stammt aus den dreißiger
Jahren, das heißt, er hat Gitter und ist offen. Es ist
ein amerikanisches Modell, also hässlich, keiner dieser
herrlichen europäischen Fahrstühle aus der Belle
Epoque, die in den Hotels der alten Pariser Viertel sanft
auf und nieder gleiten. Dieser Fahrstuht ist nur ein Stück
Schrott. Er ist unbeleuchtet, weil die Nachbarn die Glühbirnen
klauen, und stinkt immer nach Urin, Dreck und der Kotze des
Säufers aus dem vierten Stock. Man fährt langsam
hoch und runter und kann die Aussicht genießen: Zement,
Treppenabsätze, Dunkelheit, wieder Treppenabsätze,
Wohnungstüren, jemand, der wartet und sich dann doch
für die Treppe entscheidet, weil der Fahrstuhl immer
stehen bheibt, wenn es ihm passt. Oft hält er nicht genau
auf Höhe des Stockwerks. Dann hat man den rauen Zement
des Schachts vor Augen, und die Leute rufen: »Holt mich
hier raus, verdammt, ich stecke fest!«
Er funktioniert wie ein
seniler alter Mann, der alles vergisst, und bewegt sich ganz
langsam auf und ab, zitternd und keuchend, als habe er nicht
mehr genügend Kraft für solche Anstrengungen. Und
bei einem dieser unerwarteten Stopps zwischen zwei Stockwerken
steckte ich also die Hand zwischen das Gitter der Tür
und die Schachtwand, kauerte mich nieder und tastete nach
dem Türrahmen des unteren Stockwerks, um sie genau auszurichten.
Nur so bekommt man den Mechanismus wieder in Gang und kann
weiterfahren. Und es gel ang mir. Ich machte die Tür
fest zu, der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung, ließ
mir aber nicht genug Zeit, meinen Arm zurückzuziehen.
Er war eingekhemmt zwischen Wand und Gitter, einem Spalt von
drei Zentimetern (ich habe nachgemessen). Es war furehtbar.
Mein Arm und meine Hand scheuerten mit der gemächlichen
Geschwindigkeit des Fahrstuhls an der Wand hinauf bis zum
siebten Stock. Ich schrie wie am Spieß, wälzte
mich hin und her und war überzeugt, dass mein rechter
Arm und die Hand nur noch eine Masse aus Blut und zertrümmerten
Knochen waren. Aber nichts da. Kein gebrochener Knochen. Es
brannte wie Feuer. Arm und Hand waren nur noch rohes, blutiges
Fleisch und die Nerven ein Püree aus Dreck und Hundescheiße.
Und im nächsten Moment war ich im Fegefeuer der Hölle.
Galoppierende Klaustrophobie. Als ich aus dem Fahrstuhl kam,
vielmehr als man mich aus ihm herausgezogen hatte, war ich
ein Gefangener meiner selbst. Und blieb es für viele
Jahre.
Die Khaustrophobie war
so entsetzlich, dass ich nachts rnanchmal aus dem Schlaf auffuhr
und aus dem Bett sprang. Ich fühlte mich eingesperrt:
in der Nacht, im Zimmer, in mir selbst und bekam keine Luft.
Ich musste pinkeln und Wasser trinken und die dunkle Unendlichkeit
des Meeres sehen und die salzige Luft und das Jod atmen. Erst
dann wurde ich wieder ein wenig ruhiger.
Es war natürlich
nicht nur der kaputte Fahrstuhl. Der war nur der Tropfen,
der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ihm waren
viele andere Dinge vorausgegangen, die ich nach und nach erzählen
möchte. Später, nicht gleich. Ich werde davon berichten,
wie im Gespräch mit einem Toten dureh eine Santera, werde
Blumen und ein Glas Wasser und Gebete darbringen, damnit dieser
Tote in Frieden ruht und nicht mit denen von uns, die wir
noch im Diesseits weilen, seine Spielhchen treibt.
So war’s jedenfalls
um mich und meine Klaustrophobie bestellt, die mich erdrückte,
zu zerquetschen drohte wie eine Kakerlake. Und ich ging viel
spazieren, lief überallhin, vor allem davon. Ich konnte
einfach nicht zu Hause bleiben. Das Haus war die Hölle.
Eines Tages besuchte ich ein Seminar für Filmemacher,
in der Hoffnung, dort Stoff für einen Artikel für
die alberne Wochenzeitschrift zu finden, bei der ich gerade
arbeitete.
Das Seminar fand in einer
Filmschule in einem Vorort Havannas statt und dauerte vier
Tage. Gleich zu Beginn fiel mein Blick auf Rita Cassia: eine
goldbraune Brasilianerin, die vorhatte, mit dem Schreiben
von Drehbüchern für Fernsehserien viel Geld zu verdienen,
wunderschöne Beine hatte und schnellstens über ihre
gerade erfolgte Scheidung hinwegkommen wollte. Im Grunde genommen
war sie auf der Suche nach einem fröhlichen, heißblütigen
Kerl, der sie aufmunterte.
Und so geschah es dann
auch. In den Blicken, die sie mir schenkte, lag geballte Erotik.
Sie hatte honigfarbene Mandelaugen, wie in einem Bolero. Und
wir sahen uns an, und es war, als berührten sich unsere
Zungen. Von da an ging alles sehr schnell. Wir scherten uns
nicht weiter um den berühmten kubanischen Dokumentarfilmer,
dem zwar tolle Filme drehte, aber nicht wusste, wie. Der Typ
war so intuitiv, dass ein völlig unfähig war, diese
Intuition überhaupt wahrzunehmen. Zum Glück versuchte
er gar nicht erst, über irgendetwas ernsthaft zu reflektieren.
Er erzählte Anekdoten und war einfach sympathisch. Wir
beachteten ihn nicht weiter und gingen im Wäldchen spazieren.
Wir redeten albernes Zeug, bis das elektromagnetische Feld
zwischen uns beiden maximal aufgeladen war, und dann küssten
wir uns ohne ein einziges Wort der Liebe oder der Begierde.
Sie erzählte mir, dass sie beim Karneval in Rio ihre
knappsten Kleider trug und jede Nacht Samba tanzen ging. Das
musste mit ihren Augen und ihrem elektmomagnetischen Feld
zusammenhängen.
Es war Abend geworden,
und das Wäldchen war nicht sehr üppig bewachsen,
und überall drückten sich Leute herum, denn Studenten
sind, wie man weiß, ziemlich paarungswillig. Ganz in
unserer Nähe küssten sich wild zwei Jungen, hatten
im Nu ihren Reißverschhuss auf, holten ihre Schwänze
raus und warfen sich zu Boden, um diese einander in 69er-Stellung
wie besessen zu lutschen. Das geilte mich noch mehr auf. Wir
gingen zu der kleinen Wohnung, die Rita angemietet hatte,
und ich war noch nicht ganz ausgezogen, da blies sie mir schon
einen. Auf dem Tisch stand eine Flasche mit sieben Jahre altem
Rum. Es war lange her, seit ich zuletzt so eine Köstlichkeit
gesehen hatte. Ich schenkte mim einen großen Schluck
auf Eis ein, dann noch einen, und staunte nicht schlecht:
Ich konnte ihr meinen Schwanz eine Stunde lang überall
reinstecken, ohne zu kommen. Sie bewegte Hüfte und Becken
in Ekstase und besprenkehte mich mit Rum. Sie nahm einen Schluck,
spie ihn über meinen Körper und ließ dann
ihre Zunge über meine Haut gleiten, um alles wieder aufzulecken.
Manchmal zögert Rum meinen Orgasmus hinaus: mein Schwanz
steht stramm, aber ich komme nicht.
Schließlich konzentrierte
ich mich zu kommen — langsam ließ meine Energie
nach — und brachte genug Willenskraft auf, meinen Schwanz
rechtzeitig herauszuziehen und ihr mein Sperma ubër den
Bauch zu spritzen. Es kam viel. Seit ein, zwei Wochen hatte
ich nicht gevügelt, und es hatte sich viel angestaut.
Rita Cassia war darüber ganz aus dem Häuschen und
rief immer wieder: »Herrlich, herrlich, ach wie herrlich.«
Alles Weitere war eine
einzige endlose Orgie, denn auf das Semninar folgte das Lateinamerikanische
Filmfestival, und Havanna wurde — zumindest für
uns — zum Paradies: viel Kino, viel Sex, viel Ruin und
gutes Essen. Um diese Zeit begann bereits die schlimmste Hungersnot
in der Geschichte Kubas, ich glaube, es war 1991. Niemand
konnte sich damals vorstellen, wie viel Hunger und Krisen
noch folgen sollten. Auch ich nicht. Ich dachte nur an meine
galoppierende Klaustrophobie und daran, dass ich essen musste,
denn innerhalb weniger Monate hatte ich achtzehn Kilo abgenommen
— selbstverständlich wegen der Lebensmittelknappheit.
Außerdem machten wir uns einen Spaß daraus, Maria
Alexandra, einer in Brasilien erfolgreichen Drehbuchautorin
für Fernsehserien, ein Schnippchen zu schlagen. Die gute
Frau war bis über beide Ohren in Rita Cassia verknallt
und belagerte sie mit einer ausgetüftelten Palette an
Verführungsstrategien: Zu allen möglichen Tages-
und Nachtzeiten erschien sie mit Blumen, lud Rita zu allen
möglichen Cocktails und Festessen ein und versprach ihr
unaufhörlich, ihr beim Schreiben eines guten Drehbuchs
zu helfen, das sie dann O’Mundo anbieten wollte —
kein geringes Angebot.
Eine andere ihrer galanten
Strategien war, mir den Kalten Krieg zu erklären, indem
sie abwechselnd zwei unterschiedliche Haltungen einnahm: Entwedem
ignorierte sie mich mit geradezu olympischer Überheblicbkeit,
oder sie behandelte mich mit einer zugleich väterlichen
und distanzierten Herablassung. Maria Alexandra liebte Rita
Cassia mit solcher Leidenschaft, dass sie jedes Hindernis,
das sich ihr in den Weg stellte, auf jede ihr mögliche
Art und Weise niederwalzte. Sie war davon überzeugt,
ich könnte Rita Cassia nicht das winzigste Tüpfelchen
der sexuellen und sinnlichen Wonnen bieten, die sie ihr zu
schenken gedachte, sobald sie ihre Hand auf sie gelegt hatte.
Als Frau hielt mir Rita Cassia die Treue, verwandelte sich
aber in ein schnurrendes und anmutiges Kätzchen, sobald
die Lesbe, die ihr die goldenen Tore zu O’Mundo öffnen
sollte, erschien.
So verging die Zeit.
Wir hatten viel Spaß. Ich war glücklich und vergaß,
was für ein alberner Hungerleider ich im Grunde war.
Ein Bettelmann, stolz und romantisch. Die Krise nahm ihren
Lauf, und unser Hunger wurde beißender. Da man aber
immer nur den Spiitter im Auge des anderen sieht, sagt man
sich: »Alle hungern und werden täglich dünner.«
Rita Cassia bezahhte
für alles. Ich hatte nicht einen einzigen Dollar im Portemonnaie
und nahm worthos hin, dass sie immer zahlte. Die Alternative
für mich wäre gewesen, nach Hause zu gehen, mich
zu langweilen, Reis mit Bohnen zu essen und allen Spaß
zu vempassen. So standen die Dinge, bis das Ende kam.
Ich lag auf dem Bett
mit dem letzten Schluck des sieben Jahre alten Rums im Glas.
Rita Cassia zog sich an, damit wir den Malecón entlangschlendern
und uns am Meer Lebewohl sagen konnten, spät in der Nacht,
wie es sich für zwei Liebende in Havanna gehörte.
Es sollte ein Kino-Finale unter dem Sternenhimmel werden,
vielleicht sogar bei Mondschein. Sie hatte ihren Koffer schon
gepackt. Um drei Uhr früh würde sie zum Fhughafen
fahren. Da fiel mir auf, dass sie ein paar wertvolle Gegenstände
im Zimmer verstreut liegen gelassen hatte: ein Paar Gummilatschen,
gebraucht, aber noch in gutem Zustand, eine halbe Flasche
Shampoo, einige Gläser Konfitüre, Notizblöcke,
Seifenstücke, einen Einwegrasierer.
»Willst du das
alles hier lassen?«
»Klar. Unnützer
Kram.«
»Von wegen. Diese
Gummilatschen, das Shampoo, die Seifenstücke. Hier ist
nichts unnütz. Alles ist noch zu etwas gut, selbst wenn
es für dich Müll ist.«
»Na schön,
dann packen wir alles in eine Tüte, und du nimmst es
mit.«
Em Weilchen später
spazierten wir über den Malecón und nahmen Abschied
voneinander. Wir haben uns später nie wiedergesehen.
Sie hatte mir schon erklärt, dass es ihr wehtue, so viel
Armut zu sehen und so viel politisches Theater, um sie zu
kaschieren. Sie wollte nie wiederkommen. Wir saßen eine
Weile da und lauschten dem Meer. Sie konnte es riechen, ich
nicht. Vielleicht war rneine Nase zu sehr daran gewöhnt.
Ich lausche gern dem Meer vom Malecón aus, spät
in der Nacht, wenn alles still ist. Wir küssten uns und
nahmen Abschied. Ich ging nach Hause mit der Tüte in
der Hand. Ganz langsam. Ich fühlte mich gut. Und ich
ging Schritt für Schritt, ohne mich ein einziges Mal
umzusehen.
© Pedro Juan Gutiérrez
Meine Klaustrophobie erscheint
in Schmutzige
Havanna Trilogie.
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