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  Trilogía sucia de La Habana (Cuento)  
 
Leer Meine Klaustrophobie
Pedro Juan Gutiérrez

JAHRELANG habe ich mich bemüht, all die Scheiße abzuschütteln, die man auf mir abgeladen hatte. Und das war nicht leicht. Wenn du die ersten vierzig Jahre deines Lebens brav und ordentllch bist und alles glaubst, was man dir sagt, ist es anschlleßend fast unmögllch, »nein« zu sagen oder »scher dich zum Teufel« oder »lasst mich in Ruhe«.

   Aber ich schaffe es immer ... na ja, fast immer, zu bekommen, was ich will. Solange es sich nicht um eine Milllon Dollar handelt oder um einen Mercedes. Obwohl, wer weiß. Wenn ich wirkllch so etwas hahen wollte, würde ich es auch bekommen. Im Grunde genommen ist das einzig Wichtige, dass man etwas wirkllch will. Wenn du dir mit aller Macht etwas wünschst, bist du schon auf dem besten Wege, es zu bekommen. Es ist wie die Sache mit dem Zen-Bogenschützen, der seinen Pfeil abschießt, ohne auf die Zielscheibe zu blleken. Das tut er beharrllch viele Jahre, bis er schlleßllch trifft und damit ahle Logik verkehrt.

   Als ich jedenfalls anfing, alle »wichtigen Dinge« — alle für andere »wichtigen Dinge« — aufzugeben und ein bisschen mehr für mich selbst zu denken und zu handeln, machte ich eine schwierige Zeit dureh. Viele Jahre lang taumelte ich am Rande eines Abgrunds, bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ich trat in eine neue Phase des Abenteuers ein, das sich Leben nennt. Mit vierzig ist es noch nicht zu spät, aus dem Trott auszusteigen, alle fruchtlose und langweilige Mühsal hinter sich zu lassen und eine andere Lebensweise zu finden. Nur versucht das kaum jemand. Es ist sicherer, alles bis zum Ende beizubehalten wie gehabt. Ich wurde härter. Drei Dinge standen zur Wahl: Entweder wurde ich härter oder verrückt, oder ich brachte mich um. Also war die Entscheidung einfach: ¡ch musste harter werden.

   Aber noch wusste ich nicht genau, wie ich die ganze Scheiße loswerden konnte. Ich blieb einfach in Bewegung, reiste kreuz und quer auf meiner kleinen Insel herum, lernte Leute kennen, verliebte mich und vögelte. Ich vögelte ziemlich viel: hemmungsloser Sex half mir, vor mir selbst zu fliehen. Das war meine klaustrophobische Zeit. An jedem ein wenig geschlossenen Ort hatte ich das Gefühl, ersticken zu müssen, und heulte auf wie ein Wahnsinniger. Alles begann an dem Tag, an dem ich im Fahrstuhl unseres Hauses stecken blieb. Er ist ziemlich alt, stammt aus den dreißiger Jahren, das heißt, er hat Gitter und ist offen. Es ist ein amerikanisches Modell, also hässlich, keiner dieser herrlichen europäischen Fahrstühle aus der Belle Epoque, die in den Hotels der alten Pariser Viertel sanft auf und nieder gleiten. Dieser Fahrstuht ist nur ein Stück Schrott. Er ist unbeleuchtet, weil die Nachbarn die Glühbirnen klauen, und stinkt immer nach Urin, Dreck und der Kotze des Säufers aus dem vierten Stock. Man fährt langsam hoch und runter und kann die Aussicht genießen: Zement, Treppenabsätze, Dunkelheit, wieder Treppenabsätze, Wohnungstüren, jemand, der wartet und sich dann doch für die Treppe entscheidet, weil der Fahrstuhl immer stehen bheibt, wenn es ihm passt. Oft hält er nicht genau auf Höhe des Stockwerks. Dann hat man den rauen Zement des Schachts vor Augen, und die Leute rufen: »Holt mich hier raus, verdammt, ich stecke fest!«

   Er funktioniert wie ein seniler alter Mann, der alles vergisst, und bewegt sich ganz langsam auf und ab, zitternd und keuchend, als habe er nicht mehr genügend Kraft für solche Anstrengungen. Und bei einem dieser unerwarteten Stopps zwischen zwei Stockwerken steckte ich also die Hand zwischen das Gitter der Tür und die Schachtwand, kauerte mich nieder und tastete nach dem Türrahmen des unteren Stockwerks, um sie genau auszurichten. Nur so bekommt man den Mechanismus wieder in Gang und kann weiterfahren. Und es gel ang mir. Ich machte die Tür fest zu, der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung, ließ mir aber nicht genug Zeit, meinen Arm zurückzuziehen. Er war eingekhemmt zwischen Wand und Gitter, einem Spalt von drei Zentimetern (ich habe nachgemessen). Es war furehtbar. Mein Arm und meine Hand scheuerten mit der gemächlichen Geschwindigkeit des Fahrstuhls an der Wand hinauf bis zum siebten Stock. Ich schrie wie am Spieß, wälzte mich hin und her und war überzeugt, dass mein rechter Arm und die Hand nur noch eine Masse aus Blut und zertrümmerten Knochen waren. Aber nichts da. Kein gebrochener Knochen. Es brannte wie Feuer. Arm und Hand waren nur noch rohes, blutiges Fleisch und die Nerven ein Püree aus Dreck und Hundescheiße. Und im nächsten Moment war ich im Fegefeuer der Hölle. Galoppierende Klaustrophobie. Als ich aus dem Fahrstuhl kam, vielmehr als man mich aus ihm herausgezogen hatte, war ich ein Gefangener meiner selbst. Und blieb es für viele Jahre.

   Die Khaustrophobie war so entsetzlich, dass ich nachts rnanchmal aus dem Schlaf auffuhr und aus dem Bett sprang. Ich fühlte mich eingesperrt: in der Nacht, im Zimmer, in mir selbst und bekam keine Luft. Ich musste pinkeln und Wasser trinken und die dunkle Unendlichkeit des Meeres sehen und die salzige Luft und das Jod atmen. Erst dann wurde ich wieder ein wenig ruhiger.

   Es war natürlich nicht nur der kaputte Fahrstuhl. Der war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ihm waren viele andere Dinge vorausgegangen, die ich nach und nach erzählen möchte. Später, nicht gleich. Ich werde davon berichten, wie im Gespräch mit einem Toten dureh eine Santera, werde Blumen und ein Glas Wasser und Gebete darbringen, damnit dieser Tote in Frieden ruht und nicht mit denen von uns, die wir noch im Diesseits weilen, seine Spielhchen treibt.

   So war’s jedenfalls um mich und meine Klaustrophobie bestellt, die mich erdrückte, zu zerquetschen drohte wie eine Kakerlake. Und ich ging viel spazieren, lief überallhin, vor allem davon. Ich konnte einfach nicht zu Hause bleiben. Das Haus war die Hölle. Eines Tages besuchte ich ein Seminar für Filmemacher, in der Hoffnung, dort Stoff für einen Artikel für die alberne Wochenzeitschrift zu finden, bei der ich gerade arbeitete.

   Das Seminar fand in einer Filmschule in einem Vorort Havannas statt und dauerte vier Tage. Gleich zu Beginn fiel mein Blick auf Rita Cassia: eine goldbraune Brasilianerin, die vorhatte, mit dem Schreiben von Drehbüchern für Fernsehserien viel Geld zu verdienen, wunderschöne Beine hatte und schnellstens über ihre gerade erfolgte Scheidung hinwegkommen wollte. Im Grunde genommen war sie auf der Suche nach einem fröhlichen, heißblütigen Kerl, der sie aufmunterte.

   Und so geschah es dann auch. In den Blicken, die sie mir schenkte, lag geballte Erotik. Sie hatte honigfarbene Mandelaugen, wie in einem Bolero. Und wir sahen uns an, und es war, als berührten sich unsere Zungen. Von da an ging alles sehr schnell. Wir scherten uns nicht weiter um den berühmten kubanischen Dokumentarfilmer, dem zwar tolle Filme drehte, aber nicht wusste, wie. Der Typ war so intuitiv, dass ein völlig unfähig war, diese Intuition überhaupt wahrzunehmen. Zum Glück versuchte er gar nicht erst, über irgendetwas ernsthaft zu reflektieren. Er erzählte Anekdoten und war einfach sympathisch. Wir beachteten ihn nicht weiter und gingen im Wäldchen spazieren. Wir redeten albernes Zeug, bis das elektromagnetische Feld zwischen uns beiden maximal aufgeladen war, und dann küssten wir uns ohne ein einziges Wort der Liebe oder der Begierde. Sie erzählte mir, dass sie beim Karneval in Rio ihre knappsten Kleider trug und jede Nacht Samba tanzen ging. Das musste mit ihren Augen und ihrem elektmomagnetischen Feld zusammenhängen.

   Es war Abend geworden, und das Wäldchen war nicht sehr üppig bewachsen, und überall drückten sich Leute herum, denn Studenten sind, wie man weiß, ziemlich paarungswillig. Ganz in unserer Nähe küssten sich wild zwei Jungen, hatten im Nu ihren Reißverschhuss auf, holten ihre Schwänze raus und warfen sich zu Boden, um diese einander in 69er-Stellung wie besessen zu lutschen. Das geilte mich noch mehr auf. Wir gingen zu der kleinen Wohnung, die Rita angemietet hatte, und ich war noch nicht ganz ausgezogen, da blies sie mir schon einen. Auf dem Tisch stand eine Flasche mit sieben Jahre altem Rum. Es war lange her, seit ich zuletzt so eine Köstlichkeit gesehen hatte. Ich schenkte mim einen großen Schluck auf Eis ein, dann noch einen, und staunte nicht schlecht: Ich konnte ihr meinen Schwanz eine Stunde lang überall reinstecken, ohne zu kommen. Sie bewegte Hüfte und Becken in Ekstase und besprenkehte mich mit Rum. Sie nahm einen Schluck, spie ihn über meinen Körper und ließ dann ihre Zunge über meine Haut gleiten, um alles wieder aufzulecken. Manchmal zögert Rum meinen Orgasmus hinaus: mein Schwanz steht stramm, aber ich komme nicht.

   Schließlich konzentrierte ich mich zu kommen — langsam ließ meine Energie nach — und brachte genug Willenskraft auf, meinen Schwanz rechtzeitig herauszuziehen und ihr mein Sperma ubër den Bauch zu spritzen. Es kam viel. Seit ein, zwei Wochen hatte ich nicht gevügelt, und es hatte sich viel angestaut. Rita Cassia war darüber ganz aus dem Häuschen und rief immer wieder: »Herrlich, herrlich, ach wie herrlich.«

   Alles Weitere war eine einzige endlose Orgie, denn auf das Semninar folgte das Lateinamerikanische Filmfestival, und Havanna wurde — zumindest für uns — zum Paradies: viel Kino, viel Sex, viel Ruin und gutes Essen. Um diese Zeit begann bereits die schlimmste Hungersnot in der Geschichte Kubas, ich glaube, es war 1991. Niemand konnte sich damals vorstellen, wie viel Hunger und Krisen noch folgen sollten. Auch ich nicht. Ich dachte nur an meine galoppierende Klaustrophobie und daran, dass ich essen musste, denn innerhalb weniger Monate hatte ich achtzehn Kilo abgenommen — selbstverständlich wegen der Lebensmittelknappheit. Außerdem machten wir uns einen Spaß daraus, Maria Alexandra, einer in Brasilien erfolgreichen Drehbuchautorin für Fernsehserien, ein Schnippchen zu schlagen. Die gute Frau war bis über beide Ohren in Rita Cassia verknallt und belagerte sie mit einer ausgetüftelten Palette an Verführungsstrategien: Zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten erschien sie mit Blumen, lud Rita zu allen möglichen Cocktails und Festessen ein und versprach ihr unaufhörlich, ihr beim Schreiben eines guten Drehbuchs zu helfen, das sie dann O’Mundo anbieten wollte — kein geringes Angebot.

   Eine andere ihrer galanten Strategien war, mir den Kalten Krieg zu erklären, indem sie abwechselnd zwei unterschiedliche Haltungen einnahm: Entwedem ignorierte sie mich mit geradezu olympischer Überheblicbkeit, oder sie behandelte mich mit einer zugleich väterlichen und distanzierten Herablassung. Maria Alexandra liebte Rita Cassia mit solcher Leidenschaft, dass sie jedes Hindernis, das sich ihr in den Weg stellte, auf jede ihr mögliche Art und Weise niederwalzte. Sie war davon überzeugt, ich könnte Rita Cassia nicht das winzigste Tüpfelchen der sexuellen und sinnlichen Wonnen bieten, die sie ihr zu schenken gedachte, sobald sie ihre Hand auf sie gelegt hatte. Als Frau hielt mir Rita Cassia die Treue, verwandelte sich aber in ein schnurrendes und anmutiges Kätzchen, sobald die Lesbe, die ihr die goldenen Tore zu O’Mundo öffnen sollte, erschien.

   So verging die Zeit. Wir hatten viel Spaß. Ich war glücklich und vergaß, was für ein alberner Hungerleider ich im Grunde war. Ein Bettelmann, stolz und romantisch. Die Krise nahm ihren Lauf, und unser Hunger wurde beißender. Da man aber immer nur den Spiitter im Auge des anderen sieht, sagt man sich: »Alle hungern und werden täglich dünner.«

   Rita Cassia bezahhte für alles. Ich hatte nicht einen einzigen Dollar im Portemonnaie und nahm worthos hin, dass sie immer zahlte. Die Alternative für mich wäre gewesen, nach Hause zu gehen, mich zu langweilen, Reis mit Bohnen zu essen und allen Spaß zu vempassen. So standen die Dinge, bis das Ende kam.

   Ich lag auf dem Bett mit dem letzten Schluck des sieben Jahre alten Rums im Glas. Rita Cassia zog sich an, damit wir den Malecón entlangschlendern und uns am Meer Lebewohl sagen konnten, spät in der Nacht, wie es sich für zwei Liebende in Havanna gehörte. Es sollte ein Kino-Finale unter dem Sternenhimmel werden, vielleicht sogar bei Mondschein. Sie hatte ihren Koffer schon gepackt. Um drei Uhr früh würde sie zum Fhughafen fahren. Da fiel mir auf, dass sie ein paar wertvolle Gegenstände im Zimmer verstreut liegen gelassen hatte: ein Paar Gummilatschen, gebraucht, aber noch in gutem Zustand, eine halbe Flasche Shampoo, einige Gläser Konfitüre, Notizblöcke, Seifenstücke, einen Einwegrasierer.

   »Willst du das alles hier lassen?«

   »Klar. Unnützer Kram.«

   »Von wegen. Diese Gummilatschen, das Shampoo, die Seifenstücke. Hier ist nichts unnütz. Alles ist noch zu etwas gut, selbst wenn es für dich Müll ist.«

   »Na schön, dann packen wir alles in eine Tüte, und du nimmst es mit.«

   Em Weilchen später spazierten wir über den Malecón und nahmen Abschied voneinander. Wir haben uns später nie wiedergesehen. Sie hatte mir schon erklärt, dass es ihr wehtue, so viel Armut zu sehen und so viel politisches Theater, um sie zu kaschieren. Sie wollte nie wiederkommen. Wir saßen eine Weile da und lauschten dem Meer. Sie konnte es riechen, ich nicht. Vielleicht war rneine Nase zu sehr daran gewöhnt. Ich lausche gern dem Meer vom Malecón aus, spät in der Nacht, wenn alles still ist. Wir küssten uns und nahmen Abschied. Ich ging nach Hause mit der Tüte in der Hand. Ganz langsam. Ich fühlte mich gut. Und ich ging Schritt für Schritt, ohne mich ein einziges Mal umzusehen.

©Pedro Juan Gutiérrez

 

Meine Klaustrophobie erscheint in Schmutzige Havanna Trilogie.

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