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HEUTE früh steckte
im Briefkasten eine rosa Karte von Mark Pawson aus London.
In großer Schrift stand darauf in Englisch: »Am
5. Juni 1993 hat irgend so ein Mistkerl das Vorderrad meines
Fahrrads geklaut.« Das war jetzt ein Jahr her, und er
ärgerte sich immer noch darüber. Mir fiel der kleine
Club in der Nähe von Marks Wohnung ein, wo Rodolfo jede
Nacht einen Strip hinlegte und sehr erotisch tanzte, während
ich mit Bongos, Kastagnetten, kehligem Gesang und was mir
sonst noch so einfiel eine gewagte Musik aus tropischen Klängen
improvisierte. Wir hatten viel Spaß, bekamen jede Menge
Freibier und 25 Pfund pro Nacht bezahlt. Schade, dass es nicht
von Dauer war. Aber Rodolfo war als schwarzer Tänzer
sehr gefragt und ging nach Liverpool, um modernen Tanz zu
unterrichten. Ich blieb ohne Geld zurück und wohnte bei
Mark, bis ich mich langweilte und zurückkam.
Seitdem bemühte
ich mich, nichts mehr ernst zu nehmen. Ein Mann darf viele
kleine Fehler machen. Das spielt keine Rolle. Wenn die Fehler
aber groß sind und auf seinem Leben lasten, bleibt ihm
nur noch, sich nicht ernst zu nehmen. Nur so muss er nicht
leiden. Anhaltendes Leiden kann tödlich sein.
Ich heftete die Karte
hinter die Tür, legte eine Kassette mit Armstrongs »Snake
Rag« ein, und schon war mir leichter ums Herz und ich
hörte auf zu grübeln. Bei Musik kann ich nicht denken.
Und Jazz muntert mich erst recht auf, und ich muss dann tanzen,
einfach so für mich. Ich trank eine Tasse Tee zum Frühstück,
ging aufs Klo, las ein paar homosexuelle Gedichte von Allen
Ginsberg und dann mit Verwunderung »Sphincter«
und »Personals ad«. I hope my good old asshole
holds out. Aber mir blieb nicht viel Zeit, mich zu wundern,
denn zwei Freunde von mir kamen, zwei sehr junge, um mich
zu fragen, wie ich die Idee fand, mit einem Floß von
San Antonio Richtung Catoche aufs Meer hinauszufahren, oder
ob es nicht besser wäre, nach Norden Richtung Miami aufzubrechen.
Es waren die Tage des Exodus im Sommer 94. Eine Freundin hatte
mir am Vortag telefonisch mitgeteilt: »Alle Männer
und jungen Leute hauen ab. Das wird uns Frauen ganz schön
zu schaffen machen.« Ganz so war's dann doch nicht.
Es blieben viele da, die so weit nicht weg leben konnten,
trotz allem.
Also, ich bin ein bisschen
auf dem Golf herumgeschippert und weiß, dass er eine
Falle ist. Mit der Landkarte in der Hand überredete ich
sie, nicht nach Mexiko abzuhauen. Und dann ging ich mit ihnen,
um mir das große Floß für sechs Leute anzusehen.
Es bestand aus Holzplanken, die mit Stricken über drei
Flugzeugreifen geschnürt waren. Es sollte noch mit Taschenlampen,
Kompass und bengalischen Lichtern ausgerüstet werden.
Ich wünschte ihnen Glück und schwang mich aufs Fahrrad,
um ein bisschen rumzufahren. Ich kaufte ein paar Stücke
Melone und fuhr zu meiner Ex-Frau. Wir sind jetzt gute Freunde.
So ist es besser für uns beide. Sie war nicht zu Hause.
Ich aß ein bisschen Melone und ließ den Rest da.
Ich hinterlasse gerne Spuren. Ich stellte die übrigen
Stücke in den Kühlschrank und brach dann rasch auf.
Zwei Jahre lang war ich in dem Haus glücklich gewesen.
Es tat mir nicht gut, hier alleine zu sein.
In der Nähe wohnte
Margarita. Wir hatten uns eine ganze Weile nicht gesehen.
Als ich kam, wusch sie gerade ihre Wäsche und schwitzte.
Sie freute sich, mich zu sehen, und wollte gleich unter die
Dusche. Wir sind ein heimliches Liebespaar - irgendwie muss
ich es ja nennen - seit fast zwanzig Jahren, und wenn wir
uns sehen, vögeln wir erst und unterhalten uns dann ganz
entspannt. Also ließ ich sie nicht unter die Dusche.
Ich zog sie aus und ließ meine Zunge über ihren
ganzen Körper gleiten. Sie tat dasselbe: Sie zog mich
aus und ließ ihre Zunge über meinen ganzen Körper
gleiten. Vom Radfahren und von der vielen Sonne war auch ich
ganz verschwitzt. Sie sah erholter aus, war etwas dicker geworden,
nicht mehr nur Haut und Knochen. Ihre Schenkel waren wieder
fest und rund, trotz ihrer sechsundvierzig Jahre.
Schwarze sind so, alles
Fasern und Muskeln und ganz wenig Fett und reine Haut ohne
Mitesser. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, und
nachdem ich ein bisschen mit ihr gespielt hatte und sie schon
dreimal gekommen war, steckte ich ihn ihr in den Arsch, ganz
sachte, angefeuchtet von ihrer Möse. Stück für
Stück, etwas vor und wieder zurück, und rieb ihr
dabei mit der Hand die Klitoris. Es tat ihr furchtbar weh,
aber dann konnte sie nicht genug bekommen. Sie biss ins Kissen,
streckte mir aber den Arsch entgegen und flehte, ihn ganz
reinzustecken. Diese Frau ist herrlich. Keine andere kommt
in Fahrt wie sie. Eine ganze Weile blieben wir so vereinigt.
Als ich ihn wieder rauszog, war er mit Scheiße verschmiert,
und sie ekelte sich. Ich nicht. Mein Sinn fürs Groteske
war schon immer sehr ausgeprägt und stets hellwach. Sex
ist nichts für Weichlinge. Sex ist ein Austausch von
Flüssigkeiten, Säften, Atem und strengen Gerüchen,
Urin, Samen, Scheiße, Schweiß, Mikroben, Bakterien.
Oder es ist kein richtiger Sex. Wenn es nur bei Zärtlichkeiten
und ätherischer Spiritualität bleibt, ist es nur
eine sterile Parodie dessen, was es sein könnte, also
nichts. Wir duschten und waren dann bereit für einen
Kaffee und ein Schwätzchen. Sie wollte, dass ich mit
ihr nach El Rincón kam. Sie hatte ein Gelübde
gegenüber San Lázaro zu erfüllen und bat
mich, sie am nächsten Tag zu begleiten. Sie bat mich
wirklich so liebevoll, dass ich zusagte. Das Wunderbare an
den kubanischen Frauen - bestimmt auch an anderen in Amerika
oder Asien - ist, sie können einen so zärtlich um
etwas bitten, dass man es ihnen nie abschlagen kann. Anders
die Europäerinnen. Europäerinnen sind so spröde,
dass sie einem jede Gelegenheit zu einem NEIN! geben. Und
man fühlt sich richtig gut dabei.
Anschließend fuhr
ich nach Hause zurück. Der Nachmittag war schon kühler
geworden. Ich hatte Hunger. Kein Wunder, ich hatte ja auch
nur eine Tasse Tee, ein Stück Melone und einen Kaffee
im Magen. Zu Hause aß ich ein Stück Brot und trank
noch etwas Tee. Langsam gewöhnte ich mich an viel Neues
in meinem Leben. Ich gewöhnte mich an die Armut und daran,
alles zu nehmen, wie es kam. Ich übte mich darin, alle
Verbissenheit abzulegen, andernfalls würde ich nicht
überleben. Immer hatte mir etwas gefehlt. Immer war ich
unzufrieden gewesen, wollte alles auf einmal, kämpfte
hartnäckig um mehr. Jetzt musste ich lernen, dass ich
nicht alles auf einmal bekam, und mich mit fast nichts zu
begnügen. Aber sonst hätte ich auch nur mit meiner
tragischen Sicht vom Leben weitergemacht. Insofern machte
mir die Armut nicht mehr viel aus.
Dann rief Luisa an. Sie
wollte übers Wochenende kommen. Luisa ist eine Wahnsinnsfrau.
Vielleicht etwas zu jung für mich. Macht nichts. Macht
alles nichts. Es fing an zu regnen, es donnerte, heftige Windböen
setzten ein, und die Luft war entsetzlich schwül. So
ist das in der Karibik. Gerade scheint noch die Sonne, und
auf einmal kommt heftiger Wind auf, es regnet, und plötzlich
ist man mitten in einem Orkan. Ich brauchte ein bisschen Rum,
aber das war jetzt unmöglich. Zwar hatte ich etwas Geld,
aber es gab nichts zu kaufen. Ich legte mich schlafen. Ich
war verschwitzt und die Laken waren schmutzig, aber ich mag
meinen eigenen Körpergeruch. Er erregt mich. Und Luisa
musste jeden Moment kommen. Wahrscheinlich schlief ich ein.
Wenn der Wind stärker werden und das Dach abdecken sollte,
war mir das egal. Alles war egal.
©Pedro Juan Gutiérrez
Neues in meinem Leben erscheint
in Schmutzige
Havanna Trilogie.
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